«Wir sind einfach losgezogen …»

Sie ist in Ettingen aufgewachsen, auch wenn sie jetzt nicht mehr im Guggerdorf wohnt. Sie ist mit ihrem Dorf weiterhin verbunden, auch wenn sie sich für eine längere Zeit weit weg von «Ettigä» befand. In einem Interview-Porträt berichten wir über eine ungewöhnliche Reise von Siria Grippo.
Es gibt Artikel, die durch Zufall entstehen. Denn am Anfang stand eine Chronik über den 30. Geburtstag von Simone Grippo, der – wie aufmerksame BiBo-Leser wissen – als Fussballprofi derzeit bei Real Zaragoza in der 2. spanischen Division spielte (wir berichteten). Aber, bei allem Respekt für Simone … seine (ältere) Schwester hat eine Parforce-leistung über 18 Monate geliefert, zu der Messi, ­Ronaldo und Co. niemals imstande wären.

BiBo: Dürfen wir ein paar Angaben zu Ihrer Person und den beruflichen Werdegang erfahren?
Siria Grippo: Ich wurde 1987 geboren und lebte damals noch in Bottmingen mit meinen Eltern und meiner grossen Schwester. Aber schon bald kam mein Bruder zur Welt und wir zogen nach Ettingen. Dort bin ich aufgewachsen, ging in Therwil und danach in Oberwil zur Schule und studierte an der Pädagogischen Hochschule in Liestal. Heute lebe ich mit meinem Mann und meiner Tochter in Zürich und bin als Primarlehrerin tätig.
Sie haben eine 18-monatige Weltreise mit dem Fahrrad absolviert. Gab es hierfür einen bestimmten «Beweggrund»?
Da gibt es eine lustige Geschichte dazu. Mein Mann und ich sind schon seit jeher sehr reisefreudig. Ursprünglich wollten wir mit unserem VW-Bus nach Südamerika. Bei den Vorbereitungen bin ich im Internet auf ein Foto gestossen, auf dem zwei vollbepackte Fahrräder vor traumhafter Kulisse zu sehen waren. Aus Jux habe ich es meinem Mann weitergeleitet und geschrieben: «Oder wämer so go?!» Hätte ich nur gewusst, dass mein Geliebter diese Frage so ernst nehmen würde …Ein halbes Jahr später hatten wir den VW-Bus verkauft und uns mit dem Batzen zwei Tourenräder mit Ausrüstung gekauft. Der Beweggrund? Sommer, Meer und Blumen riechen, die Kälte in den Knochen spüren, gegen den Wind kämpfen und so viel essen (wie man will), ohne dick zu werden! All das geht, eingepfercht im VW-Bus, leider nicht.
Wie lange dauerten die Vorbereitungen – und gab es Augenblicke, wo Sie an dieser ungewöhnlichen Reise (ver-)zweifelten?
Für die Reise haben wir kaum etwas vorbereitet. Wir sind einfach losgezogen. Eine Abschiedsparty haben wir organisiert und der gesamte Papierkram bei der Wohnungsabgabe und Abmeldung aus der Schweiz haben uns teilweise zur Verzweiflung gebracht. Aber gezweifelt haben wir nie. Verzweifelt sind wir während der Reise zum Beispiel dann, wenn der Wind so stark geblasen hat, dass wir zu Fuss vermutlich schneller gewesen wären. Oder wenn auf Google Maps eine Strasse eingezeichnet war, diese aber in Realität im Nirgendwo plötzlich endete.
Welche Länder und Kontinente haben Sie bereist? War Ihr Partner (heutiger Ehemann) immer mit von der Partie?
Gestartet sind wir in Ettingen bei meinen Eltern. In Deutschland, Holland und ­Dänemark haben wir noch Freunde besucht. Richtig gestartet hat die Reise in Island. Danach sah unsere Route wie folgt aus: Ost-Kanada – USA (Nordost-Staaten, danach New Mexico, Arizona, Kalifornien) – Philippinen – Singapur – Malaysia – Thailand – Myanmar – Kambodscha – ­Vietnam – China – Japan – Südkorea – wieder China – Kasachstan – Kirgistan – Tadschikistan – Usbekistan – Aserbaidschan – Georgien – Türkei – Albanien – Montenegro – Kroatien – Italien – Schweiz.
Wir haben zwar 24’000 km abgespult, aber wir waren auch immer wieder mit Zug und Bus unterwegs. Und natürlich war unser Kitesurf-Material dabei, damit wir bei Wind und Wasser das Fahrrad parken und mit dem Kite surfen konnten.
Hatten Sie für diese 18 Monate ein «Budget» – und stimmen Sie der ­These überein, dass so eine lange Reise wohl auch zu einer Lebensschule wird?
Ja, wir haben ein Jahr lang gespart, ­haben aber nur die Hälfte ausgegeben. Reisen mit Zelt und Fahrrad ist sehr günstig! Oh ja, durch das Reisen lernt man viel über sich, über seinen Partner und über andere Kulturen. Bei der Rückkehr nimmt man sich für die Zukunft viel vor, leider wird man ziemlich schnell vom ­Alltag und all den gesellschaftlichen «Fesseln» überrollt.
Sie wohnen nicht mehr in Ettingen, sind mit dem «Guggerdorf» aber ­verwurzelt. Welche Bedeutung hat «Ettigä» für Sie? Und wie würden Sie einem Ortsfremden diese Gemeinde schildern?
Ich habe 26 Jahre lang in «Ettigä» gelebt und meine Eltern wohnen und ar­beiten beide noch immer hier. Ich habe hier drei gute Freundin-nen (das RISS-Team), zu welchen ich den Kontakt noch immer pflege. Aber wenn ich an der Fasnacht mal vorbeischaue, heisst es immer: «Fremdi, hesch di vo Züri wieder emol do ane verloffe?» Einem Ortsfremden würde ich wohl sagen: «Jo, das isch Ettigä, das Dörfli isch famos, gosch am Samschtigoobe furt, isch immer öbbis los. Jo das isch Ettigä, das Dörfli isch dr Hit, gosch es Dörfli witer abe, landisch voll im … Den Schluss kennen wir ja alle!
Wohin führt die nächste Reise? Mit dem Fahrrad?
Den Velo-Anhänger für unsere Tochter haben wir bereits gekauft. Einen Zweiplätzer. Der eine Platz ist für die Kleine, der andere für die Kite-Surf-Ausrüstung. Die nächste Reise? Irgendwohin. Hauptsache, es hat Wind und Wasser …

Es ist mir ein persönliches Anliegen, Frau Grippo für das Interview herzlichst zu danken. Wir verweisen auch auf unsere Frontchronik, welche sich mit dem Thema «Reisen – Umwelt» befasst. Und wenn Siria mit ihrem Gatten erneut zu einer Reise aufbricht – gerne erwarten wir Dei-nen/Euren Bericht. BiBo wird ihn gerne exklusiv publizieren.

Georges Küng

Die Autorinnen: Rylla Resler, Francesca Incocciati und Adriana Quarck.

Foto zVg

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