Durch Vorlesen die Freude an Büchern wecken

Eigentlich wäre Schlafenszeit angesagt. Schliesslich war es schon kurz nach 20 Uhr. Doch danach sah es ­letzten Freitagabend im reformierten Kirchgemeindehaus «Güggel» erst einmal nicht aus: Für mehr als 20 Kinder hatte nämlich der Abend gerade erst begonnen.

Die dritte und letzte Vorlesenacht dieses Winters fand in Therwil statt und war, wie auch die anderen beiden in Oberwil und Ettingen, für die teilnehmenden Primarschulkinder etwas Aufregendes. «Sie freuen sich, dass sie länger aufbleiben dürfen und eine Übernachtung mit Freunden ist für sie einfach ein Höhepunkt», erklärte Adrian Moor, Jugendarbeiter und Organisator der Vorlesenächte.

Der Abend hatte laut, unterhaltsam und energievoll begonnen: Die letzten Kinder trafen ein, liessen sich nur noch hastig von Mama oder Papa umarmen und liefen dann schnell zu den anderen, die im Saal «Zeitungslesen» spielten. Und nach einer kleinen Vorstellungsrunde begann auch schon der wohl spannendste Teil des Abends. Die drei Bücher, die zur Auswahl standen, lagen auf den Tischen schon parat und wurden den Kindern kurz vorgestellt. Zwei Bücher stammten von der Autorin Astrid Lindgren: In «Ronja Räubertochter» ging es um ein Mädchen, das im Wald geboren wird und mit ihren Eltern und einer Räuberbande aufwächst, während in «Immer dieser Michel» ein Junge die Hauptfigur war – eben Michel, der wie ein Engel aussah, jedoch immer wieder Unfug anstellte. Das dritte Buch, geschrieben von Paul Maar, handelte vom berühmten Männchen mit der Schweinenase und den Punkten im Gesicht, womit es Wünsche erfüllen kann: richtig, vom Sams.


Und nun die Qual der Wahl: Die Primarschulkinder durften sich aussuchen, welche der drei Geschichten sie hören wollten. In Sekundenschnelle entstanden drei Gruppen, wobei sich die Kinder erstaunlicherweise gleichmässig verteilten. Nun durfte jede Gruppe es sich in einem eigenen Raum so richtig gemütlich machen: So griffen die Kinder zu ihren Schlafsäcken und Pyjamas – einige hatten sogar ihr Lieblingskuscheltier mitgebracht – und richteten sich in den Räumen bequem ein.


Helfende Hände
Einige Zeit später war es ganz dunkel im Zimmer, nur eine kleine Stirntaschenlampe brannte noch. Vorgelesen wurde den Kindern von einigen Helfenden, die meist Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe sind und zum Beispiel im Rahmen der Vorbereitung zur Konfirmation diesen sozialen Einsatz leisten. Diejenigen unter ihnen, die nicht vorlasen, unterstützen den Jugendleiter beim Vorbereiten des Mitternachts- und Frühstücksbuffets. «Die meisten finden das faszinierend, weil sie so das gute Vorbild für die Kinder sein können», erklärte Adrian Moor.

Die einzigen Geräusche, die während des Vorlesens zu hören waren, waren das Rascheln der Schlafsäcke und hie und da ein Geflüster. Zum Einschlafen schien aber die Aufregung zu gross zu sein. «Wann gibt’s das Mitternachtsbuffet?», fragte ein Junge ins Dunkle und fügte schnell hinzu: «Ich habe Hunger!» Die anderen im Raum schlossen sich der Aussage an.


Bettmümpfeli um Mitternacht
Kurz vor zwölf war also das «Bettmümpfeli» verdrückt und die Kinder freuten sich auf einen zweiten Vorleseblock. Am nächsten Tag durfte das feine Frühstück natürlich nicht fehlen; sogar für ein gemeinsames Spiel war noch genügend Zeit da.
Adrian Moor freut sich über die Beliebtheit der Vorlesenächte. Der Jugendleiter betonte den tieferen Sinn dahinter: «Die vorgelesenen Geschichten animieren die Kinder oft zum Weiterlesen und wecken ihnen die Freude an Büchern.»

Nathalie Reichel