180 Schülerinnen und Schüler sorgen für Gänsehaut

  29.01.2026 Oberwil

Am Dienstag der Vorwoche sang auch der Chor des Gymnasiums Oberwil im Rahmen des Programms «Flammende Erde» des Veranstalters vokal:orgel.

Die Bühne des Stadtcasinos ist in blaues Licht getaucht. Geigentöne durchdringen die gespannte Stille. Eine junge Frau streift suchend umher, findet einen Schreibtisch, setzt sich und macht das Licht einer Lampe an. Ein junger Mann tanzt in Schwimmweste zu den Geigentönen. Das Licht bewegt sich wie Wasser. Die Bühne füllt sich, immer mehr junge Menschen quellen aus den Seitentüren, einige von ihnen, wie der Tänzer, mit Schwimmwesten. Auf einmal ändert sich das Licht vom kühlen Blau zu forderndem Rot und die Sängerinnen und Sänger des Jungen Kammerchors Basel, des Gymnasiums Oberwil und der Rudolf-Steiner-Schule Basel legen stimmgewaltig los. In einer kurzen Zwischenstille weint ein Kind im Publikum, dann brausen die Chöre mit Katerina Gimons (*1993) «Fire» weiter.

«Flammende Erde» ist nach der «Carmina Burana» (2023) und «Walpurgisnacht» (2025) das dritte Projekt des Vereins vokal:orgel um Organistin Babette Mondry, Regisseurin Salomé Im Hof sowie den musikalischen Leitenden Tobias Stückelberger und Abélia Nordmann. «Wir wollten uns diesmal Werken zuwenden, die einen starken, direkten Bezug zu unserem Hier und Jetzt haben: Im Zentrum steht eine 1943 geschriebene Kantate, deren vehementer Ruf für ein Ende des Krieges genauso gut heute hätte geschrieben werden können», so Nordmann zum diesjährigen Konzept. «Die anderen Stücke umkreisen ebenso dringende Fragen unserer Zeit: die nach unserem Umgang mit der Erde, nach unserem Miteinander. Der grosse Bogen von Monteverdi bis Cage und einer Uraufführung ist aus dem Wunsch entstanden, gemeinsam mit jungen Menschen und aus unterschiedlichen Zeitzeugnissen der Musikgeschichte auf unser heutiges Dasein und unsere Haltung auf diesem Planeten zu blicken.»

Dieser Umgang, diese Dringlichkeit und das Miteinander sind im Stadtcasino hautnah zu erleben. Wenn die Chöre nicht singen, lässt Mondry die Orgel erklingen, etwa mit «Deuxième Fantaisie» von Jehan Alain (1912–1940). Auch hier pure Dramatik, welche die Schwimmwesten auf der Bühne gekonnt ins Bild bringen. Schliesslich hocken sie in der Bühnenmitte zusammen und rezitieren «Once upon a time the world was round» von John Cage (1912–1992). Die Stimmung zieht sich zusammen und ein leichter Schauder läuft den Rücken herunter. Aufund Erlösung gibt es mit der Kantate «Dievs! Tava zeme deg» («Gott! Deine Erde brennt») der lettischen Komponistin Luˉ cija Garuˉ ta (1902–1977). Trotz der Dramatik ihres Stückes lässt sich das Ganze gut hören, die Musik ist eher traurig als wütend. Besonders zu erwähnen sind hier die Soli von Tenor David Ferreira und Bariton Kimon Barakos, die Garuˉ tas Worte emotional sehr bewegend intonieren.

«Die flammende Erde ist für uns ein ganz evidentes Bild: Klimawandel, Krisen und Krieg prägen die Realität nicht nur junger Menschen tagtäglich – sie benennt Überforderung, Isolierung und Vereinzelung, aber auch Kraft, Energie und Erneuerung», erklärt Nordmann. Voller Kraft ist auch das Spiel von Geiger Dmitry Smirnov, als er die «Ballade» von Eugène Ysaÿe (1858–1931) spielt. Ballade ist nur der Titel: Furios, wild, klassisch und modern ist das Spiel. Zwei Stücke weiter dann die Uraufführung «How can we sell the sky?» von Lucia Birzer (*1995), die das Gleichnis der zwei Wölfe in der Seele zum Thema hat. Vor der Uraufführung von Abélia Nordmanns (*1988) Improvisation «espoir» fliegen von der Bühne aus Papierflieger mit Wünschen und Hoffnungen der jungen Menschen durch die Luft und sorgen eine Weile für Heiterkeit im Drama.

«Mit ‹Flammende Erde› wird ein immer aktuelles Thema angesprochen. Es ist gerade für die Jugendlichen wichtig, einen Inhalt zu haben. In diesem Programm gibt es doch viel Möglichkeit für Identifikation und Themen, über die man nachdenken kann. Gerade mit ‹Fire› hatten wir ein sehr kraftvolles, körperbetontes Stück, was der Jugend entgegenkam», freut sich Debora Büttner, Co-Leiterin des Oberwiler Chors und fügt hinzu: «Für uns als Schule war es eine tolle Möglichkeit, bei so einem Projekt mitzumachen. Es gab die Chance, im Stadtcasino zu singen, andere Chöre kennenzulernen sowie mit anderen Dirigierenden und professionellen Musikern zusammenzuarbeiten, was auch für die Schülerinnen und Schüler Erfahrung und Inspiration ist.»

Axel Mannigel


Infos: www.vokalorgel.ch


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote