«Als ich nach Ettingen kam, das war wow»

  25.06.2026 Ettingen

Die Chilenin Martina Gonzalez wohnte als Austauschschülerin knapp elf Monate lang bei der Familie Rippstein in Ettingen. In Kürze steht der Abschied an.

«Ich habe sehr viel gelernt. Wir haben zusammen viele tolle Sachen erlebt. Ich werde sie vermissen.» Als Sophie Rippstein dies sagt, muss Martina Gonzalez leer schlucken. Die beiden 18-Jährigen sind zu einem Team, vorübergehend zu Schwestern, geworden. Am 3. Juli reist Martina zurück nach Chile. Sie freue sich auf ihr Zuhause, ihre Familie, die Schule und Freunde. «Ich werde aber die Schweiz, Ettingen, meine Freunde hier und Sophie und Christoph sehr vermissen.» Ihre Gefühle seien zweigeteilt, beschreibt Martina Gonzalez.

Am Ursprung der Idee, eine Gastschülerin bei sich aufzunehmen, stand das Austauschjahr von Tochter Sophie in Irland. Vater Christoph Rippstein erinnert sich: «Ihre Erfahrungen dort waren nicht sehr positiv. Die Gasteltern machten es primär wegen des Geldes. Wir sagten uns, das können wir besser.» So meldete sich der Ettinger bei der Organisation AFS in Zürich. Um überhaupt als Gastfamilie infrage zu kommen, mussten Christoph und Sophie Rippstein viel Privates preisgeben. Anschliessend folgte ein mehrstündiges Gespräch. Christoph Rippstein war überrascht, dass sie bei der Auswahl der möglichen Gastschülerin oder des Gastschülers eine Art Wunschzettel ausfüllen konnten. «Geschlecht, Herkunft, Alter, Nichtraucher», nennt der 49-Jährige Beispiele des Fragebogens zum Ankreuzen.

Mit Martina hätten sie viel Glück gehabt, sagt Christoph Rippstein in einer Mischung aus Dankbarkeit und Wehmut. Martina gibt das Kompliment sogleich zurück. Aus dem Austausch mit anderen Gasteltern weiss Christoph Rippstein, dass es auch herausfordernde, ja sogar schwierige Konstellationen geben kann.

Deutsch lernen hatte Priorität
Als Martina Gonzalez in die Schweiz kam, konnte sie noch kein Deutsch. «Hallo, ich heisse Martina», sei alles gewesen, was sie sagen konnte. «Ich habe das noch in Chile gelernt», erzählt sie sich mit einem Schmunzeln. «In der ersten Schulwoche am Gymnasium Oberwil sass ich nur da und verstand nichts. Ich lernte aber schnell dazu.» Prüfungen musste Martina keine ablegen. Priorität hatte das Deutsch lernen. Mittlerweile kann sich die Gastschülerin nahezu problemlos auf Hochdeutsch verständigen. Schwierig sei auch der klimatische Wechsel aus dem Winter in Chile in den Hochsommer der Schweiz gewesen. Auch an die Schweizer Essgewohnheiten musste sich Martina zuerst gewöhnen. Bei all den anfänglichen Herausforderungen habe es im Leimental auf Anhieb gepasst. «Als ich nach Ettingen kam, das war wow.»

Beim Blick aus dem Küchenfenster hinaus ins Grüne ist bei Martina Gonzalez erneut Wehmut zu spüren. Dass sie hier problemlos alleine nach draussen gehen kann, war für die 18-Jährige neu. In Chile sei dies aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Gewöhnen musste sie sich auch ans Spazieren und Wandern. «In Chile ist man immer mit dem Auto unterwegs. Nach der ersten Schulwoche hatte ich Blasen an den Füssen – vom Weg aufs Tram.»

Gemeinsame Ausflüge und Ferien
Christoph und Sophie Rippstein und Martina Gonzalez wuchsen in den elf Monaten zu einer Familie zusammen. Ob der Alltag zu Hause, Ausflüge auf die Rigi oder zum River-Rafting auf der Aare, Skifahren in Adelboden oder die Weihnachtsferien in Ägypten – Martina war immer dabei. «Für mich war es selbstverständlich, dass wir sie mitnehmen, wenn sie denn wollte», erklärt Christoph Rippstein. «Am ersten Tag stürzte ich mehrfach. Jetzt kann ich dank dir rote Pisten fahren», sagt Martina strahlend zu ihrem Gastvater.

Für Sophie und Christoph Rippstein schaffte Martina den Zugang zu einer bisher fremden Kultur. Besonders die Offenheit der Südamerikanerin hätte ihnen gutgetan, findet Christoph Rippstein. «Diese offene Kommunikation war für uns Schweizer neu. Wenn irgendetwas war, das nicht passte oder jemandem störte, brachte es Martina auf den Tisch und wollte es ausdiskutieren. Das möchte ich mir beibehalten.» Auch Sophie musste sich als bisher einziges Kind im Haushalt bewusst werden, dass jetzt immer jemand anderes noch da ist. Das sei zwar neu, aber nie negativ gewesen.

Der Tag der Abreise wird für alle drei emotional werden. Sie haben sich versprochen, in Kontakt zu bleiben. Auch wollen Christoph und Sophie Rippstein Martina in Chile möglichst bald besuchen. Die gewachsene Beziehung soll nach elf Monaten nicht einfach zu Ende sein. Tobias Gfeller


Gastfamilien gesucht

Am 14. August treffen wieder Jugendliche aus aller Welt in der Schweiz ein. Für sie sucht die Non-Profit-Organisation AFS noch Familien, die sich auf ein interkulturelles Abenteuer einlassen und ihren Horizont erweitern möchten. «Gastfamilie kann fast jeder werden – ob Paare mit oder ohne Kinder, Alleinerziehende oder Doppelverdiener», sagt André Grossen, Verantwortlicher Kommunikation und Marketing bei AFS.

Die Region Basel sei für AFS eine der wichtigsten Regionen und trage jedes Jahr signifikant zu den Programmen von AFS bei. «In den letzten zehn Jahren empfingen fast jedes Jahr eine oder mehrere Familien aus den BiBo-Gemeinden Jugendliche aus dem Ausland», erklärt Grossen. Insgesamt bleibe Basel eine sehr aktive Gastfamilien-Region, auch wenn sich die Zahlen heute noch leicht unter dem Vor-Pandemie-Niveau bewegen.


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