Alte Turmspitze als Hinweis auf die Vergangenheit
03.09.2026 EttingenDaniel Thüring hat die alte Turmspitze der Kirche Ettingen vor der Entsorgung gerettet. Nun hängt sie an der rechten Seite im Kirchenschiff und lässt viele Interpretationen und Gedanken zu.
Daniel Thüring sitzt in der ersten Reihe in der Römisch-katholischen Kirche St. Peter und Paul Ettingen. Sein Blick schweift von Kirchenfenster zu Kirchenfenster über den Altar, den Chor, das Taufbecken und dem Bild des heiligen Josef zur früheren Turmspitze der Kirche Ettingen. Diese hängt seit Pfingsten im Stile einer Apostelkerze an der Wand vorne rechts im Kirchenschiff. «Ich sehe und spüre die Vergänglichkeit und das Verbindende zwischen den einzelnen Elementen in der Kirche.» Die Spitze zeige symbolhaft den Weg in den Himmel, beschreibt Daniel Thüring nachdenklich. «Der Blick zum Himmel lädt uns Gläubige ein, das eigene Leben im Sinne des christlichen Glaubens auszurichten und zu gestalten.»
Der gewählte Standort passe auch deshalb, da der heilige Josef als Zimmermann mit Holz arbeitete und als Patron der Sterbenden verehrt wird. «Daneben die Turmspitze, die zum Himmelsreich hinzeigt: eine wunderbare Symbolik.» In der Turmspitze vereinen sich für Daniel Thüring auch die verschiedenen Baustile und Bauetappen der Kirche. «Welche Pfarrrei hat eine originale Turmspitze seiner Kirche im Schiff oder Chor aufzuweisen und kann somit die Vergangenheit mit der Gegenwart symbolisch verbinden?», fragte Thüring im Rahmen der Kirchgemeindeversammlung, die seinem Vorschlag erst noch zustimmen musste. Die hölzerne Turmspitze aus dem Jahre 1883 ist eines der wenigen erhaltenen Relikte aus der langen Baugeschichte der Kirche St. Peter und Paul.
Neubau des Turms aus stilistischen Gründen
Daniel Thüring ist seit mehreren Jahren für das Inventar der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Ettingen beauftragt. Ein offizielles Kirchenamt hat der Ur-Ettinger aber nicht. «Ich wuchs in diese Aufgabe hinein. Schon mein Vater war über 30 Jahre lang Kirchmeier und auch sonst aktiv in der katholischen Kirchgemeinde tätig. Von ihm und meinem Glauben stammt schon lange die Faszination für die kirchlichen Traditionen und die Geschichten dahinter.»
Nur rund 60 Zentimeter der Turmspitze von 1883 ragten hinaus. Auf der Spitze befanden sich das Kreuz und die Kugel. Der Rest war im Turm eingekleidet. Das Geläut wurde im 1935/1937 erbauten heutigen Kirchturm weiterverwendet. Der Neubau geschah primär aus stilistischen Gründen.
Die alte Turmspitze kam über Umwege in die Hände von Daniel Thüring. Die Spitze lagerte zwischenzeitlich in einer Scheune in einem alten Haus in Ettingen. Als das Haus verkauft wurde, meldete sich der alte Besitzer bei Daniel Thüring, ob er sich für das historische Stück interessieren würde. Der Käufer des Hauses hatte kein Interesse an der alten Turmspitze und hätte diese entsorgt. Zuerst hatte Thüring die Idee, die Spitze im Umfeld der Kirche aufzustellen. «Ich liess mich belehren, die Spitze aus Holz würde aufgrund der Witterungseinflüsse nicht lange überleben. Deshalb kam die Idee auf, die alte Turmspitze in der Kirche aufzustellen beziehungsweise aufzuhängen.»
Um die Ursprünglichkeit der Turmspitze zu belassen, wurde sie nur gebürstet und gegen Holzwurmbefall behandelt. Je nach Sonneneinstrahlung zeigt sich an der Wand im Kirchenschiff ihr Schattenwurf.
Mit einem Flaschenzug eingebaut
Martin Brodmann, Bauchef innerhalb des Ettinger Kirchgemeinderats, verfügt als Inhaber eines Metallbaubetriebs über die nötigen Fertigkeiten, um den herausfordernden Einbau der Turmspitze erfolgreich zu realisieren. «Wir haben die Spitze mit einem Flaschenzug aufgehängt und langsam in die vorgefertigte Halterung heruntergelassen. Wir konnten ja schlecht einen Kran in die Kirche fahren.» Auch das Schmieden des Tellers als Halterung in der für die Historie passenden Form stellte eine Herausforderung dar. Für Martin Brodmann gehört es dazu, dass Elemente der Geschichte den Nachfahren aufbewahrt und weitergegeben werden. «Eine Kirche ist ein Ort der Stille und sollte kein Kunstmuseum werden. Ich bin aber überzeugt, dass die Kirche durch die alte Turmspitze nicht überladen ist.»
Ähnlich tönt es bei Pfarrer Roger Schmidlin. «Für mich ist die alte Turmspitze ein Hinweis auf die Vergangenheit unserer Kirche. Wir leben in der Gegenwart, tragen aber immer auch die Vergangenheit ein Stückweit mit uns mit.» Es gebe auch andere Kirchgemeinden, die in der Kirche Gegenstände aus der Vergangenheit aufbewahren. Der Standort neben dem heiligen Josef sei ideal gewählt, findet auch Pfarrer Schmidlin.
Tobias Gfeller



