Angehörige im Fokus: Austausch, der stärkt
04.06.2026 TherwilIm früheren BiBo-Beitrag «Angehörige als tragende Säule in der Langzeitpflege» der Stiftung Blumenrain wurde aufgezeigt, welche zentrale Rolle Angehörige im Alltag von betreuungsbedürftigen Menschen einnehmen. Sie sind emotionale Stütze, wichtige Bezugspersonen und oft auch Mitgestaltende der Betreuung. Gleichzeitig stehen sie selbst vor grossen Herausforderungen.
Genau hier setzt die Angehörigengruppe der Stiftung Blumenrain an. Wenn ein nahestehender Mensch an Demenz erkrankt, verändert sich vieles. Für Angehörige bedeutet das nicht nur emotionale Belastung, sondern auch eine zunehmende Verantwortung im Alltag.
«Viele Angehörige wachsen in diese Rolle hinein und merken erst mit der Zeit, wie fordernd sie ist», sagt Christian Graf. «Sie leisten enorm viel, häufig im Hintergrund.» Um Angehörige von Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung Blumenrain gezielt zu unterstützen, wurde die Angehörigengruppe ins Leben gerufen. Sie bietet Raum für Austausch, Verständnis und gegenseitige Stärkung.
«Es geht nicht darum, Lösungen vorzugeben», erklärt Graf. «Sondern darum, Erfahrungen zu teilen und voneinander zu lernen.» Die Themen sind oft ähnlich, auch wenn jede Geschichte individuell ist. Fragen zum Umgang mit der Erkrankung, Unsicherheiten im Alltag nach dem Heimeintritt oder der Umgang mit Schuldgefühlen und Zweifeln beschäftigen viele Angehörige.
«Gerade der Schritt zum Heimeintritt ist für viele sehr belastend», sagt Graf. «Er geht oft mit Schuldgefühlen, Unsicherheiten und Zweifeln einher.» In der Gruppe zeigt sich, wie wertvoll der Austausch ist. «Man merkt schnell: Andere stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Das schafft Entlastung und oft auch neue Perspektiven.»
Eine persönliche Geschichte
Eine Teilnehmerin der Gruppe ist Priya Malhotra. Ihre Geschichte ist sehr persönlich und zugleich berührt sie Themen, die viele Angehörige kennen. Sie ist in Indien aufgewachsen und kam mit 16 in die Schweiz. «Weil mein Vater früh gestorben ist, hatte ich immer einen besonders engen Draht zu meiner Mutter. Wir waren füreinander da.»
Vor einigen Jahren begann sich die Situation zu verändern. «Sie hat angefangen, Dinge falsch auszuräumen, wurde immer vergesslicher.»
Priya reagierte und stellte ihr Leben um. «Ich habe meinen Job aufgegeben und sie zwei Jahre lang zu Hause gepflegt.» Doch die Belastung nahm zu. «Ich konnte sie nicht mehr allein lassen. Sie hat um Hilfe gerufen. Sogar die Polizei stand bei uns vor der Tür.» Schliesslich kam der Punkt, an dem es nicht mehr ging. Nach vielen Gesprächen entschied sich Priya schweren Herzens für den Heimeintritt ihrer Mutter.
Heute lebt ihre Mutter in Betreuung. Für Priya selbst bedeutet das auch einen Neuanfang, beruflich wie persönlich. «Ich suche wieder eine Stelle in der IT, was mit 55 nicht einfach ist.»
Halt durch Austausch
Halt findet sie heute in der Angehörigengruppe. «Dort sitzen Menschen, die mich verstehen. Ich muss nichts erklären.» Der Austausch ist für sie zentral geworden. «Ich habe vieles über Demenz gelernt und profitiere von den Erfahrungen der anderen.»
Für Christian Graf zeigt genau das die Wirkung des Angebots: «Durch das Teilen von Erfahrungen entsteht ein Raum, in dem das Verständnis wächst.» Für Priya ist vor allem eines entscheidend: «Zu merken, dass man nicht allein ist, macht einen grossen Unterschied.» Und sie hat einen klaren Rat für andere Betroffene: «Hingehen. Es hilft, im Umgang mit der Situation und auch für einen selbst.»
Mehr zur Geschichte und zum Angebot der Angehörigengruppe unter bluetenwiese.ch.
Simon Döbeli


