Vom Fondueplausch bis zum türkischen Tanzfest
04.06.2026 EttingenVier- bis fünfmal pro Jahr organisiert die Gruppe «Ettige global» Veranstaltungen im Reformierten Kirchzentrum «Rekizet». Kathrin Keller-Schuhmacher, Christian Lischer und Francesca Incocciati von der Kerngruppe erklären, was sie bewegt und was ihnen bei den Treffen wichtig ist.
Bereits über vier Jahre sind seit Beginn des Ukrainekriegs vergangen. Dass aus solchen schrecklichen Ereignissen auch Gutes entstehen kann, beweist die Gruppe «Ettige global». Begonnen hat alles im Jahr 2022 am Mittagstisch, der damals für ukrainische Flüchtlinge organisiert wurde. Dort lernten sich Kathrin Keller-Schuhmacher, Christian Lischer und Francesca Incocciati kennen.
Als das Bedürfnis nach einem Mittagstisch nach einigen Monaten nachzulassen schien, entstand bei den dreien sowie weiteren Engagierten, die heute Teil der Kerngruppe sind, die Idee, die Treffen weiterzuführen – in anderer Form und für ein breiteres Publikum. Es sollten Treffen sein, bei denen Einheimische, Eingewanderte und Flüchtlinge einander begegnen; bei denen ein Austausch zwischen verschiedenen Kulturen stattfindet. So entstand im November 2022 «Ettige global», und der Name verrät es bereits: Die Gruppe ist Teil des Vereins «Ettige mitenand».
«Es kann Positives entstehen»
Durch den Ukrainekrieg sei bei ihr das Bewusstsein gewachsen, dass sich das Leben plötzlich ändern könne, erklärt Francesca Incocciati. Vor 17 Jahren zog sie von Italien, ihrer Heimat, in die Schweiz. «Ich habe selber Erfahrung damit, wie es ist, ganz neu in einem fremden Land zu sein.» Obwohl ein freiwilliger Umzug und die Flucht aus einem Kriegsgebiet oder wegen politischer beziehungsweise religiöser Verfolgung «ganz unterschiedliche Umstände» seien, sei es in jedem Fall schwierig, «alles hinter sich zu lassen, im neuen Land seine Identität wieder aufzubauen und seinen Platz in einer fremden Umgebung wiederzufinden». Gleichzeitig ist die gebürtige Italienerin überzeugt: «Aus dieser Schwierigkeit kann auch viel Positives entstehen.»
Das erlebe sie seit Jahren auch in den Treffen von «Ettige global»: Flüchtlinge und Migranten freuten sich «trotz traumatisierender Erfahrungen» über positive Dinge wie Feste oder Gastfreundschaft. Incocciati engagierte sich bereits früher in Oberwil ehrenamtlich; später war sie in Ettingen als Tagesmutter tätig. Heute ist sie Sozialpädagogin in Ausbildung.
Auch Incocciatis Kollege und Kollegin in der Kerngruppe von «Ettige global» haben eine klare Motivation für ihr Engagement. Wenn es nach Gymnasiallehrer und Gemeinderat Christian Lischer geht, «liegt es auf der Hand»: Man höre und lese jeden Tag so viel über Probleme – meist über Vorurteile gegen Menschen, die Schlimmes erlebt hätten. «Sie haben es verdient, hier wertgeschätzt zu werden», ist er überzeugt. In der Schule erlebe er, wie Inklusion und Integration gelebt würden und wie selbstverständlich Jugendliche unterschiedlicher Herkunft, Geschichte und Kultur einander begegneten. Kathrin Keller-Schuhmacher, die vor über 50 Jahren von Basel nach Ettingen gezogen ist, engagierte sich früher mehrfach fürs Dorf, gründete eine Spielgruppe und hat das Altersleitbild mitkonzipiert. «Mir ist es
wichtig, dass wir Menschen gut miteinander auskommen», sagt sie.
Begegnung auf Augenhöhe
Die Gruppe hat sich ganz bewusst zum Ziel gesetzt, dass sich Einheimische und Migranten respektive Flüchtlinge in den Treffen auf Augenhöhe begegnen, und dass ein gegenseitiges Lernen stattfindet. So standen in der Vergangenheit zum Beispiel sowohl Schweizer Volkstänze als auch ein türkisches Tanzfest auf dem Programm. An weiteren Veranstaltungen wurden Vorträge über die syrische Gastfreundschaft oder über den Ramadan gehalten. «Das war für mich ein Schlüsselereignis», erinnert sich Lischer. Es sei eindrücklich gewesen zu erfahren, wie der Ramadan funktioniere und welche Tricks es gebe, um die Fastenzeit angenehm zu gestalten.
Die Treffen finden in der Regel im Reformierten Kirchenzentrum «Rekizet» statt, ungefähr vier- bis fünfmal pro Jahr. Insgesamt haben bis jetzt bereits 17 Anlässe stattgefunden. Manchmal trifft man sich aber auch anderswo – zum Beispiel in der Blockhütte zum Fondueplausch. Und im Mai waren Mitglieder der Gruppe an einem Stand am Guggermärt anzutreffen. Es gibt aber auch Sprachtandems und eine Gesprächsgruppe für Frauen. Oft werde auch bilateral besprochen, «wo der Schuh drückt», ergänzt Kathrin Keller-Schuhmacher. Es sei schön, dass man sich durch die regelmässigen Treffen als Mensch besser kennenlerne und auch mal seine Sorgen loswerden könne. Die Vielfalt der Kulturen, die die Veranstaltungen besuchen, ist beeindruckend: Die meisten kommen aus Syrien, der Türkei, der Ukraine, Eritrea, Afghanistan, Georgien – und natürlich der Schweiz.
Arabische Schrift am 21. Juni
Für die Zukunft schmiedet die Gruppe keine grossen Pläne. «Wir orientieren uns am Prozess und schauen, welche Bedürfnisse es gibt», sagt Kathrin Keller-Schuhmacher. In der Kerngruppe seien mittlerweile auch Menschen mit Fluchthintergrund vertreten. An der nächsten Veranstaltung vom 21. Juni von 15 bis 18 Uhr im Rekizet werden junge Syrerinnen und Syrer eine kurze Einführung in die arabischen Schriftzeichen geben und erklären, wie ihre Schrift aufgebaut ist. Es wird um eine Anmeldung unter info@ ettigeglobal.ch gebeten.
Vormerken darf man sich auch den 13. September und den 22. November: Dann werden Heldengeschichten und Mythen aus verschiedenen Ländern erzählt. Incocciati, Lischer und Keller-Schuhmacher sind überzeugt, dass «Ettige global» ein Stück weit auch Integrationsarbeit leistet und präventiv gegen Ausgrenzung wirkt. «Was wollen wir für unsere Gesellschaft und unser Ettingen von morgen?» Eine Frage, die sich die drei Initianten immer wieder stellen – verbunden mit einem Wunsch: «Wir hoffen, dass mehr Einwohnerinnen und Einwohner von Ettingen an den Treffen teilnehmen und mit uns zusammen Antworten auf diese Frage suchen.»
Nathalie Reichel

