GEDANKEN AUS THERWIL
Bumbum – Haubitz New Year!

  22.01.2026 Leimental

In der Silvesternacht ging es in meiner Kinder- und Jugendzeit ziemlich ruhig zu. Wir setzten uns zusammen, spielten in der Familie oder im Freundeskreis, knabberten Kleinigkeiten und tranken etwas. Eine Viertelstunde vor Mitternacht traten wir ins Freie, sei es auf den Balkon, den Vorplatz oder auf die Strasse. Eine angenehme Stille empfing uns. Dann lauschten wir den Kirchenglocken, die das alte Jahr ausläuteten. Eine Minute vor zwölf verstummte das Geläute, dann schlug es vom Kirchturm zwölf Mal, alle zählten mit. Wir wünschten einander Glück und die Glocken läuteten das neue Jahr ein – eine feierliche halbe Stunde!
1964 bezogen wir eine Wohnung in einem neuen Mehrfamilienhaus. Wie gewohnt traten wir – diesmal mit Schämpisgläsern in der Hand – auf den Balkon hinaus, um die Glocken zu hören und den Leuten auf den anderen Balkonen zuzuwinken. Alles wunderbar!
Da trat ein Nachbar vor das Haus. Er hatte wohl einen deutschen Brauch importiert. Jedenfalls stellte er einen Knallkörper auf den Boden, zündete ihn mit dem Mitternachtsglockenschlag an und knallte in die friedliche Stimmung hinein. Dann schrie er mit teutonischem Akzent: «Prosit Neujahr!»
Wir schwiegen belämmert und zogen uns diskret in die Wohnungen zurück.
Doch das war nur ein Anfang!
Alle Knallköpfe dieses Landes übernahmen freudig den fremden (amerikanischen?) Brauch – als schiessfreudiger Eidgenosse kann man sich ja mit dem Erstaugustgeknalle nicht zufriedengeben.
Seither ist Schluss mit friedlichem Aus- und Einläuten, den Mitternachts-Glockenschlag kann wohl auch nur noch hören, wer direkt unter dem Kirchturm wohnt, denn ein Gewummer durchdröhnt die einst stille Neujahrsnacht, wie wenn der Krieg ausgebrochen wäre.
Dazu denke ich mir: Wer Scheiweia haben muss, sei es im Party-Keller, an einem Après-Ski-Hotspot oder auf irgendeiner Ballermann-Insel, soll das tun bis zum Umfallen – mich trifft es ja nicht. Aber wer im öffentlichen Raum Weltkrieg spielt und sich dabei toll vorkommt, vergisst, dass alle Mitmenschen und leidenden Wild- und Haustiere unfreiwillig an seinem grausamen Spiel teilhaben müssen, nicht einschlafen können oder bis um vier Uhr morgens immer wieder von der Ballerei geweckt werden.
Ja, er schreit noch: «Spassbremse!»


Hansjörg Hänggi, freischaffender Autor in Therwil, bekannt durch seine Lieder- und Geschichten-Abende.

 


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