Die Glocke läutet gnadenlos
24.09.2026 EttingenBeim Backyard Ultra beendet nur ein Teilnehmer pro Geschlecht den Wettkampf. Trotzdem können sich viele als Siegerinnen und Sieger fühlen. Das zeigte sich beim 4. Backyard UItra in Ettingen.
«Für mich fängt das Rennen nach 24 Stunden an», sagt Daniel Schwitter nach der fünften Runde, während er entspannt an den Salzstangen knabbert. Der 57-jährige Binninger ging am Samstag als Titelverteidiger an den Start des Backyard Ultra Ettingen. Daneben stehen ausgepumpt jene Läuferinnen und Läufer, die nach fünf Runden ausgestiegen sind. Wer fünf Runden schaffte, erhielt eine Medaille. Eine Runde misst 6,706 Kilometer.
Das Prinzip eines Backyard Ultra ist simpel und gnadenlos zugleich: Die Teilnehmenden haben für jede Runde 60 Minuten Zeit. Wer dies nicht schafft, scheidet aus. Am Ende bleiben eine Frau und ein Mann als Siegerin und Sieger. Alle anderen erhalten hinter ihrem Namen das Kürzel «DNF» für «did not finish». Spasseshalber gab es das Kürzel auf T-Shirts zu kaufen. «70 Prozent Kopf, 30 Prozent Physis», beschreibt Daniel Schwitter die Herausforderung Backyard Ultra.
«Einfach bis es nicht mehr geht»
Für Raphael Kälin war wie geplant nach vier Runden Schluss. Der 61-Jährige aus dem Zürcher Oberland absolvierte in Ettingen bereits seinen 19. Backyard Ultra. «Man kann jederzeit aufhören, nicht so wie bei einem Marathon, den man nicht geschafft hat, wenn man aussteigt.» Durch seine Erfahrung lasse er sich von der tickenden Uhr längst nicht mehr stressen.
So gelassen können es nicht alle nehmen. Von Stunde zu Stunde und Runde zu Runde wird der Kampf gegen die eigene Müdigkeit und die Uhr härter. Das Teilnehmerfeld, das jeweils zur vollen Stunde auf der Sportanlage Toggessenmatten die nächste Runde in Angriff nimmt, wird immer kleiner. «Uns geht es noch sehr gut», versichern Daniel Saladin aus Ettingen und Cyrill Jauslin aus Reinach, währendem sie ihre Batterien mit Bouillon, Reis und Teigwaren aufladen. Er habe sich elf Runden als Ziel vorgenommen, sagt Jauslin. «Jedes Jahr eine Runde mehr.» Saladin ging ohne persönliche Zielvorgabe am Samstagmorgen um 10 Uhr an den Start. «Ich habe kein Ziel, einfach bis es nicht mehr geht.» Am Ende reichte es für ihn für hervorragende 15 Runden. Cyrill Jauslin schaffte zehn Runden.
Mit Stirnlampen durch die Ettinger Nacht
Die Verpflegung und Erholung zwischen den Runden sind essenziell. Fast alle Teilnehmenden haben Helferinnen und Helfer dabei, die sie bei Bedarf massieren und pflegen. «Es geht darum, zu schauen, dass sie genügend trinkt und Kohlenhydrate zu sich nimmt», erklärt die Reinacherin Christine ihre Aufgabe als Helferin ihrer Freundin Anita. Wichtig sei die ständige Salzzufuhr. Je länger das Rennen dauert und damit die Müdigkeit steigt, sei sie auch als Mentalcoach gefragt.
Während für die einen die Nacht auf den Feldwegen zwischen den Ackerflächen zur mentalen Herausforderung wird, ist sie für Titelverteidiger Daniel Schwitter kein Problem. «Ich schlafe schon gerne. Zwischendurch eine Freinacht ist aber auch cool.» Doch so weit kam es für den Binninger dieses Mal nicht. Schwitter schied nach 15 Runden aus.
Die Wettkampfidee des Backyard Ultra stammt aus den USA. Die Rundenlänge ist so bemessen, dass 24 Stunden eine Distanz von hundert Meilen ergeben. Als der Backyard Ultra Ettingen 2023 seine Premiere feierte, gab es schweizweit nur gerade drei andere solche Veranstaltungen. Mittlerweile sind es über 15. Die Teilnehmerzahl stieg in Ettingen von 23 bei der Premiere auf 120 in diesem Jahr. Gäbe es keine Begrenzung auch auf Geheiss der Gemeinde Ettingen aufgrund der Platzverhältnisse bei der Sportanlage Toggessenmatten, wäre die Teilnehmerzahl noch höher, erklärt Gründer und Vereinspräsident Sandro Gutzwiller.
Kampf mit und gegen sich selber
Der Ettinger gründete den Backyard Ultra aus dem simplen Grund, weil er sich selber einmal dieser aussergewöhnlichen Herausforderung stellen wollte. Die Veranstaltung wuchs in den vergangenen Jahren derart stark an, dass sich Sandro Gutzwiller mittlerweile komplett auf die Organisation konzentrieren muss. Der Backyard Ultra habe für ihn aber nichts an seinem Reiz verloren, betont Gutzwiller. «Es geht nicht darum, der Schnellste zu sein, sondern möglichst lange durchzuhalten.» Beim Backyard Ultra werden die eigenen Grenzen ausgelotet. Es ist mehr ein Kampf mit und gegen sich selber als bei einem klassischen Lauf oder einem Triathlon, bei denen man sich jederzeit an einer bestimmten Position befindet. Vor allem ist der Backyard Ultra ein Kampf gegen die Uhr. Die Glocke läutet nach jeweils 60 Minuten gnadenlos.
Mit 32 Runden gewann bei den Männern Filemon Heeb aus Rodersdorf. Somit absolvierte er in einem ganzen Tag und einem Drittel Tag knapp 214,6 Kilometer. Bei den Frauen siegte die Amerikanerin Nicole Gough mit 16 Runden. Das entspricht knapp 107,3 Kilometern.
Tobias Gfeller



