«Die Haltung ‹mir wei luege› ist uns fremd»

  03.09.2026 Oberwil

Über sieben Jahre hinweg hat Silvan Boschetti DREILINDEN als Geschäftsleiter geprägt. Nun übergibt er Ende August die Leitung in neue Hände. Im Gespräch blickt er zurück auf die Anfänge, Herausforderungen durch Corona und die Politik – und eine neue Lebensphase, wenn der Wecker am Morgen nicht mehr für DREILINDEN klingelt.

DREILINDEN: Wenn Sie an Ihren ersten Arbeitstag in DREILINDEN zurückdenken: Was ging Ihnen durch den Kopf und wie haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Silvan Boschetti: Da ich aus der Region stamme, wusste ich in etwa, was mich erwartet – ganz verflogen war der Respekt vor der Aufgabe trotzdem nie. Getragen vom Rückhalt des damaligen Stiftungsrats und von meinen eigenen Visionen ist es uns gelungen, einen Grossteil der Erwartungen in die Tat umzusetzen.

Was war Ihre Hauptmotivation, die Leitung von DREILINDEN zu übernehmen? Was zeichnet das Haus besonders aus?
Die demografische Entwicklung – besonders im Leimental – stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. DREILINDEN brachte bereits alle Zutaten für ein gutes Rezept mit: engagierte Menschen, eine solide Substanz, viel Potenzial. Es brauchte eigentlich nur noch jemanden, der daraus etwas macht. Das Baselbiet ist ja für seine Redensart «mir wei luege» bekannt. Diese Haltung ist uns fremd. DREILINDEN ist innovativ, flexibel und von einer grossen Menschlichkeit geprägt.

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist ein grosses Thema. Mit welcher Philosophie haben Sie versucht, Ihr Haus als attraktive Arbeitgeberin in der Region zu positionieren?
Als einer der grössten Ausbildungsbetriebe in der Versorgungsregion war es uns immer ein Anliegen, junge Menschen für DREILINDEN zu begeistern und unsere Mitarbeitenden gezielt zu fördern. Mit dem Aufbau unseres hervorragenden Berufsbildungsteams und einer strukturierten Karriereplanung können wir dem Fachkräftemangel in der Folge mit einer Prise Gelassenheit begegnen. Es freut mich besonders, wenn wir ehemalige Lernende nach ihrem Berufsabschluss als Kolleginnen in DREILINDEN begrüssen dürfen – der schönste Beweis, dass sich diese Investition lohnt.

In einem Altersheim wird gelacht, gefeiert, aber auch Abschied genommen. Welche Begegnungen mit Bewohnenden haben Sie berührt oder werden Ihnen für immer im Gedächtnis bleiben?
Die Herzlichkeit und das Wohlwollen unserer Bewohnenden haben mir gezeigt, dass es nicht unzählige Konzepte und Studien braucht, sondern in erster Linie gute Begegnungen und einen wertschätzenden Umgang. Wenn Bewohnende erzählen, dass DREILINDEN ihr Zuhause ist, oder nach einem Spitalaufenthalt froh sind, wieder zurück zu sein – das berührt, und das bleibt. Meine Bürotür steht die meiste Zeit offen, und alle Mitarbeitenden können bei Anliegen oder Fragen ungeniert eintreten. Das hat sich offenbar im ganzen Haus herumgesprochen: Mein Büro wurde zur Drehscheibe und zum Begegnungsort – für einen kurzen Schwatz, eine Beschwerde, aber auch, um Kuchen und Schokolade vorbeizubringen. Dass ausgerechnet der Ort für Verwaltung und Zahlen zum eigentlichen Herzstück des Hauses wurde, berührt mich bis heute zutiefst.

Mit welchem Gefühl übergeben Sie den Schlüssel von DREILINDEN an Ihre Nachfolgerin? Überwiegt die Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt oder die Wehmut?
Ich trete mit einem guten Gefühl von DREILINDEN ab und freue mich auf den neuen Lebensabschnitt. Sicher werde ich ab und zu meine Kolleginnen und die Bewohnenden vermissen – und freue mich schon auf die eine oder andere spontane Begegnung in der Region oder am Rhein. Meiner Nachfolgerin darf ich eine hervorragende Institution mit einem ausgezeichneten Ruf weit über unsere Region hinaus hinterlassen – und ein Team aus kompetenten und erfrischenden Mitarbeitenden. Mehr braucht es eigentlich nicht. Auf die weitere Entwicklung bin ich sehr gespannt.

Die Uhren im Ruhestand ticken bekanntlich anders. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn der Wecker morgens nicht mehr für DREILINDEN klingelt?
Der Wecker ist tatsächlich ein gutes Stichwort. Ich freue mich auf den Verzicht darauf – und auf die kommende Unordnung in meinem Leben. Ich bin aber überzeugt, dass meine Frau mir schon bald die nötigen Strukturen bereithält …

Mein Engagement in den Organisationen und in der Region werde ich sicher in angepasster Form weiterführen und mich weiterhin aktiv in Prozesse und Projekte für die Versorgungsregion einbringen. Ein Herzensprojekt ist für mich die integrierte Versorgung in der Region: niederschwellige und bezahlbare intermediäre Leistungen für Menschen ab 65 Jahren bereitzustellen. Das liegt mir sehr am Herzen – nicht zuletzt, weil es neben der sozialen Integration dieser Bevölkerungsgruppe auch die Gemeindefinanzen spürbar entlastet.

Simon Eglin, 123 TEXT


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote