Ein Kunstraum mit Ablaufdatum
13.08.2026 BottmingenDreissig Kunstschaffende verwandeln das leers stehende Haus am Kreuzackerhägli in ein begehbares Kunstwerk.
Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist oft schwer zu benennen. Vor dem Haus am Kreuzackerhägli 16 sticht einer besonders ins Auge: Graffiti. In der Stadt sind sie allgegenwärtig, auf dem Land hingegen Mangelware. Das Projekt «Temporary» des Vereins Urbane Kunst ändert das nun: Dreissig Graffiti- und Streetart-Künstlerinnen und Künstler verwandeln das Haus in ein begehbares Gesamtkunstwerk. «Wir wollen kein steriles Galerieformat, sondern einen von Kunstschaffenden und Enthusiasten gemeinsam geschaffenen Ort», berichtet Vereinsmitglied Lukas Odermatt.
Den Verein gibt es seit über zehn Jahren. Sein Ziel ist es, Stadt und Umgebung farbiger zu machen – seien es das Bell-Areal oder alte Häuser wie in Bottmingen. «Streetart und Graffiti sind vergängliche Kunstformen», sagt Odermatt noch vor dem Haus. «Sie verblassen, werden übermalt – oder abgerissen.» Er öffnet die Haustür, auf der eine knallrote herausgestreckte Zunge prangt. Noch ist nicht sicher, wie lange das kunterbunt bemalte Haus bleibt. Die Pläne für den Neubau gibt es bereits, wie Odermatt erklärt.
Mehr Farbe für Stadt und Land
An der Wohnzimmerwand guckt ein kantiger Mann auf sein Handy. Kartons mit Spraydosen, Trocknungsgeräte und mit Farbe bekleckerte Faltsessel stehen überall herum. Werkstattatmosphäre, wohin das Auge reicht. Im Garten wurde aus alten Türen eine Installation gebaut. Im ersten Stock verschmelzen gefundene Möbel, bemalte Mauern und Leinwände zu einem Kunstwerk. «Die Idee ist, dass sich die Künstler austoben und auch baulich etwas machen können», so Odermatt. «Das schöne alte Haus soll so richtig bunt werden, bevor es verschwindet.»
Viele der beteiligten Kunstschaffenden kommen aus der Schweiz, andere aus Belgien und jemand aus Brasilien. Odermatt zeigt auf die letzte noch weis se Fassade des Hauses. Es ist die Leinwand für Fabian Florin aus Chur, der bekannt ist für seine riesigen Wandmalereien.
Den bereits fertigen Arbeiten sieht man den Zeitdruck nicht an, unter dem «Temporary» entstand. Der Verein hörte im Mai vom Haus. Im Juni fand eine Besichtigung statt. Dann wurden die Beteiligten gesucht und bereits im Juli begannen die künstlerischen Arbeiten. Die eingeladenen Kunstschaffenden stammen aus dem Umfeld der Vereinsmitglieder. «Wir schickten ihnen Fotos der Wände und fragten, ob sie sie bemalen wollen.» Mit mehr Zeit hätten mehr Stiftungen und Sponsoren angefragt werden können. Aber auch unter Zeitdruck kam eine Teilfinanzierung zustande, an der sich unter anderem die Gemeinde Bottmingen, das Amt für Kultur Baselland und das Hotel Pullman in Basel beteiligen. «So können wir den Eingeladenen Übernachtung, Material und Anreise bezahlen. Mehr liegt nicht drin.»
Die Betreuung der Kunstschaffenden und die Führungen durchs Haus sind nur mit viel ehrenamtlichem Engagement der Vereinsmitglieder möglich. Insgesamt vier Führungen gibt es im September. Sie richten sich an die Nachbarschaft sowie an Kunstinteressierte und Schulen. Geplant sind Workshops mit «Bildnerisches Gestalten»-Klassen von verschiedenen Schulen. Die Nachbarschaft wird zu einer Spezialführung eingeladen, damit sie sehen können, was die Kunstschaffenden mit dem alten Haus gemacht haben. Der Verein Urbane Kunst dokumentiert alle Stufen des Projekts fotografisch und macht die Aufnahmen im Internet zugänglich. Die entstehende Dokumentation hält das Projekt über den Hausabriss hinaus fest.
«Temporary», Kreuzackerhägli 16, Bottmingen. Öffnungszeiten: 5., 6., 12. und 13. September, 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Wer das Crowdfunding unterstützt, erhält eine Einladung zur Vernissage und ein Goodie zum Mitnehmen. Haus und Gelände sind nur an diesen Ausstellungstagen und -zeiten zugänglich. www.urbanekunst.ch
Gregor Szyndler



