Eine neue Welt mit alten Schatten
10.09.2026 OberwilDas Schultheater des Gymnasiums Oberwil öffnet mit seiner neuesten Inszenierung «World of Salem» die Pforten zu einer neuen Welt. Eine Welt, erschaffen von einem Techunternehmen, die einen Neuanfang verspricht. Frei von allen Grenzen, Vorurteilen und der Last der Vergangenheit, scheint dieses verheissungsvolle Versprechen fast zu schön, um wahr zu sein. Doch die vermeintliche Utopie beginnt schon bald zu bröckeln.
Denn hinter dieser digitalen Fassade verbirgt sich eine Geschichte, die mehr als 300 Jahre zurückliegt. Arthur Millers Drama «Hexenjagd» führt uns in das Jahr 1692, als das Dorf Salem in Massachusetts von einer Welle von Hexenprozessen erschüttert wurde. Die Dorfbevölkerung gerät in einen Teufelskreis, in dem Angst, Verdächtigung und gegenseitige Anschuldigung nicht zu stoppen sind. Und genau hier baut das Stück eine Brücke von der Gegenwart ins historische Salem. Eine Schülerin und ihr fester Freund flüchten in die virtuelle «World of Salem», um ihrem Alltag zu entfliehen. Eine Schlüsselrolle übernehmen allerdings die vier Freundinnen Maya, Elli, Kim und Ava, die sich zunehmend Sorgen machen und nach den beiden Vermissten suchen. Als die Freundinnen plötzlich mitten im Publikum sitzen, verschwimmt die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum. Die Bedrohung ist nicht länger nur Teil des Stücks. Wie einst in Salem kann es jeden treffen. Jeder kann verdächtigt, beschuldigt oder von dieser neuen Welt verschluckt werden.
Besonders die schauspielerische Leistung der Schülerinnen und Schüler beeindruckt. Kraftvolle Szenen, laute Stimmen, Schreie, manchmal fast bis an die Grenze des Erträglichen. Doch gerade dieses Unbehagen geht unter die Haut und lässt die angespannte Atmosphäre der «World of Salem» greifbar werden.
Der technologische Charakter wird auch im Bühnenbild der Inszenierung konsequent durchgezogen. Dies gelingt besonders gut bei den technisch inszenierten Charakterwechseln. Wenn neue SchauspielerInnen erscheinen, aber dieselben Figuren der Welt verkörpern, entstehen mit ihnen neue Opfer des Games.
Mit dem Song «Hanging Tree» findet die Vorstellung schliesslich einen ebenso schönen wie dramatischen Abschluss. Das anfängliche Versprechen der «World of Salem» verkehrt sich endgültig in sein Gegenteil, sodass letztendlich ein Widerspruch übrig bleibt, der weit über die Bühne hinausreicht: Man kann eine neue Welt erschaffen, doch der Vergangenheit entkommt man nicht so leicht.
Joana Trosi




