Figuren aus einer anderen Welt

  05.03.2026 Oberwil

Die Skulpturen von Walter Siegrist am Hohlweg sind ein Blickfang – doch wer ist der Mann dahinter?

Der Hohlweg ist weder das geografische noch das gesellschaftliche Zentrum Oberwils. Aber eines der Häuser in dieser ruhigen Gegend ist speziell. Nicht das Haus an sich, sondern die Figuren, die davor und im Garten stehen und als Blickfang dienen. Eine Dame mit Hund, eine Familie, eine Schnecke, ein Affe mit Banane, ein Frosch und noch vieles mehr. «Bei den Kindern besonders beliebt ist Rex (ein Dinosaurier, die Red.)», weiss Walter Siegrist, der hinter den Betonskulpturen steckt und dadurch dafür sorgt, dass die Leute langsamer vorbeigehen und seine Werke bestaunen. «Heutzutage tun sie das weniger als früher, weil alle auf ihre Handys schauen …»

Dass in ihm ein Künstler schlummert, ahnte der gebürtige Bottminger, der seit über 60 Jahren in Oberwil zu Hause ist, schon als Bub. «Es war mein Kindheitstraum, meine Fantasie walten zu lassen und etwas mit zwei Händen zu erschaffen.» Doch bis es dazu kam, musste er ein ganzes (Berufs-)Leben warten. Siegrist machte eine Lehre als Schlosser und liess sich kurz danach zum Computerspezialisten umschulen. «Ich war einer der Ersten in diesem Beruf», merkt der 94-Jährige an. Die elektronischen Rechner sind ihm aber längst verleidet. «Seit ich pensioniert bin, habe ich keinen Computer mehr.» Als der langjährige Fasnächtler, einst Trommler bei den Alti Stainlemer, ins Rentenalter kam, hatte er endlich genug Zeit für Hobbys. Er begann, seine künstlerische Ader durch den Bau von Tiffany-Lampen auszudrücken. Ein paar Jahre später folgten die Betonskulpturen.

Der Prozess dahinter ist ein natürlicher. «Ich sehe etwas vor meinem geistigen Auge und versuche, es nachzubilden», erzählt Sigi, wie er von allen genannt wird. Sämtliche Figuren, die vor und hinter seinem Haus stehen, sind auf diese Weise entstanden. Keine war eine Auftragsarbeit («obwohl ich viele Angebote hatte …») alle und niemand ist ihm jemals Modell gestanden. Auch wenn das junge Paar oder die drei sitzenden Herren, die im Garten sind, aus der Nachbarschaft oder seinem Umfeld stammen könnten, tun sie das nicht. «Sie sind alle aus einer anderen Welt!»

Persönliche Schicksalsschläge führten dazu, dass das Tor zur anderen Welt für längere Zeit geschlossen wurde. Vor zehn respektive sechs Jahren verlor der Rentner seine Frau und seine Tochter. «Ihr Tod hat viel in mir zerstört – meine Fantasie war einfach weg!»

Nach jahrelanger kreativer Dunkelheit kehrten die Bilder vor seinem geistigen Auge zurück. Von der Vision bis zur fertigen Skulptur dauert es je nach Grösse mehrere Wochen oder gar Monate. Aufstellen kann Walter Siegrist die Figuren nicht mehr selbst, ein Freund aus der Nachbarschaft übernimmt das für ihn.

Momentan ist der Senior nicht in der Lage, an neuen Werken zu arbeiten. Ein Bruch des Steissbeins nach einem Stutz hat ihn ausser Gefecht gesetzt, nach einem Spitalaufenthalt kämpft er sich langsam in die Normalität zurück. «Eventuell kann ich nie mehr eine Skulptur machen», sagt der 94-Jährige besorgt und versucht, den Gedanken daran zu verdrängen. Ablenkung findet er beim Bau von Tiffany-Lampen.

Vor seinem Haus stehen neben dem Briefkasten mehrere Gegenstände, die zu verkaufen sind. Eine Skulptur gehört nicht dazu. «Ich würde meine Werke niemals verkaufen», hält Walter Siegrist fest und hat jedes Angebot in dieser Richtung ausgeschlagen. Der Oberwiler will Rex und Co. dereinst seiner Enkeltochter vermachen. «Sie kann dann entscheiden, was mit meinen Skulpturen geschieht.»

Alan Heckel


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote