Geschichten aus dem Holzkasten
30.04.2026 EttingenDas japanische Erzähltheater «Kamishibai» erobert die Bibliotheken. Für viele Kinder in Ettingen gehört es zu den Höhepunkten im Bibliotheksalltag.
Es herrscht gespannte Ruhe an diesem Samstagmorgen in der Schul- und Gemeindebibliothek Ettingen. Rund zehn Kinder sind mit ihren Eltern gekommen, um der Geschichte von Liselotte zu lauschen. «Wer ist Liselotte?», fragt Erzählerin Henriett Györy ins Publikum. «Eine Kuh!», hallt es sofort zurück.
Die Türen der kleinen Holzbühne öffnen sich. Musik erklingt. Die Vorfreude ist den Kindern anzumerken. Viele von ihnen kommen regelmässig, wenn Henriett Györy ein Kamishibai aufführt. Das japanische Erzähltheater geniesst wachsende Beliebtheit, gerade bei den Bibliotheken in der Region.
Liselotte, die schwarz-weisse Kuh mit der markanten Nase von Autor Alexander Steffensmeier, ist krank. Die Bäuerin versucht alles, um das geliebte Tier wieder gesundzupflegen: Inhalieren, gurgeln, warme Halswickel und kalte Beinwickel – Liselotte geht es trotzdem nicht besser. Erst der aufgebotene Tierarzt kann der Kuh helfen. Wenige Tage später ist Liselotte wieder gesund. Kurze Zeit später liegt die Bäuerin mit einer Erkältung im Bett. Hat sie etwa Liselotte angesteckt? Die geheilte Kuh, die in der Geschichte immer wieder menschliche Züge aufweist, entdeckt eine neue Profession: Sie wird Krankenpflegerin.
Liselotte zum Basteln
Nach einer guten Viertelstunde lässt Henriett Györy noch einmal das bei den Kindern bekannte Musikstück über die Kuh Liselotte erklingen und schliesst die Türen der kleinen Holzbühne. Die Kinder sind sich einig: «Es war toll», sagt ein Junge. Die Schwester daneben stimmt zu. «Die Kamishibai-Theater hier in der Bibliothek sind eine tolle Sache. Mit einfachen Mitteln werden für die Kinder tolle Geschichten erzählt», schwärmt eine Mutter, während sie den Kindern beim Ausschneiden hilft. Denn nach den Theatervorstellungen wird in der Bibliothek Ettingen passend zum aufgeführten Stück gebastelt. Ob schwarz-weiss, blau oder pink – Liselotte erstrahlt bei den Kindern in allen erdenklichen Farben.
Henriett Györy führt die japanischen Erzähltheater seit rund drei Jahren in der Schul- und Gemeindebibliothek auf. Darauf aufmerksam wurde sie in der international geprägten GGG Bibliothek St. Johann in Basel. Beim traditionellen Kamishibai-Theater bleibt die Erzählerin oder der Erzähler komplett im Hintergrund und ist für das Publikum nicht zu sehen. Die nacheinander gezeigten Bilder sollen für sich sprechen.
In Beziehung zu den Kindern treten
Henriett Györy hat für sich und ihr Publikum einen Kompromiss gefunden. Mit ihrer Mimik, Gestik und den Bewegungen verleiht sie den Vorstellungen einen zusätzlichen Charakter. So entsteht zwischen ihr und den Kindern eine Verbindung. Das Erzählen von Geschichten ist für Henriett Györy in der heute stark digitalisierten Welt umso wichtiger. «Geschichten mag jeder, egal ob Kind oder erwachsen.»
Für das japanische Erzähltheater gibt es unzählige Geschichten. Für Henriett Györy ist es für eine Aufführung essenziell, dass ihr die Geschichte persönlich gefällt. Dazu gehören die Episoden von Kuh Liselotte. «Die Geschichte ist wunderbar illustriert. Die Bilder sprechen für sich.» Henriett Györy mag es, über das Erzählen der Geschichten in eine Beziehung mit den Kindern zu treten. «Wir gestalten gemeinsam etwas, aus dem dann eine Verbindung zwischen den Kindern und mir entsteht.»
Tobias Gfeller
Ursprünge im 10. Jahrhundert
Kamishibai – das ist Erzähltheater auf kleinstem Raum in einem Kasten aus Holz mit Flügeltüren. Die Geschichten werden mit Bildkarten zum Einschieben und Wechseln erzählt. Kamishibai bedeutet auf Japanisch Papiertheater.
Die Ursprünge des Kamishibai reichen bis zu den buddhistischen Wandermönchen des 10. Jahrhunderts zurück. Sie nutzten die Methode des bildgestützten Erzählens, um buddhistische Lehren zu verbreiten. Die heute bekannte Form des Kamishibai entwickelte sich zu einer Populärkultur der japanischen Vorkriegszeit.
Im deutschsprachigen Raum erlebt das japanische Erzähltheater zurzeit einen Trend. Je nach Geschichte eignet sich das Papiertheater für verschiedene Altersklassen.


