LESUNG
Helen Liebendörfer erweckt Jonas Breitenstein zu neuem Leben

  29.10.2026 Regio

An der Premierenlesung ihres neuen Romans entführte Helen Liebendörfer rund 100 Gäste ins Binningen des 19. Jahrhunderts. Heitere Szenen wechselten sich mit ernsten Einblicken ab.

Rund 100 Neugierige kamen am 20. Oktober zur Premierenlesung von Helen Liebendörfers neuem historischen Roman «Der Baselbieter Gotthelf» in die Buchhandlung Bider & Tanner. «Helen Liebendörfer hat viele treue Fans, ihre Lesungen sind immer sehr gut besucht», sagte Carmen Lee-Stocker von Bider & Tanner. Stephan Rüdisühli vom Friedrich Reinhardt Verlag kündigte die Autorin und ihren mittlerweile elften historischen Roman an: «Wir sind sehr stolz auf unsere langjährige Zusammenarbeit mit Helen Liebendörfer und freuen uns, sind Sie so zahlreich zur Lesung erschienen.»

In «Der Baselbieter Gotthelf» führt Liebendörfer das Publikum ins Binningen des Jahres 1852. Ihr Protagonist, der 24-jährige Jonas Breitenstein, trat als erster Baselbieter sein Pfarramt an St. Margarethen an. Vor der Kantonstrennung waren nur Baselstädter zugelassen. Er stand von 1852 bis 1870 der Kirchgemeinde Binningen-Bottmingen vor. «Der weite Blick von der Terrasse des Kirchleins St. Margarethen war überwältigend», heisst es am Anfang des Romans. So verheissungsvoll die Aussicht, so ungewohnt war sein neues Leben: Er vermisste sein Heimatdorf Ziefen und fand das Kircheninnere auf St. Margarethen kühl und distanziert. Als er das Pfarrhaus besichtigte, begegnete ihm eine Maus. Breitenstein erschrak und machte sich gleich eine Liste, was er nach seinem Einzug alles brauchte: «Ein Bett, eine Magd und eine Katze, in dieser Reihenfolge.» Solche liebevoll ausgemalten Alltagsszenen geben dem Roman Farbe und sorgten bei der Lesung immer wieder für ein Lachen aus dem Publikum. Das Publikum hing an ihren Lippen und wusste auch ihre kurzen zeitlichen Verortungen der vorgelesenen Passagen zu schätzen.

Gelacht wurde auch über Breitensteins Schwierigkeiten mit Eltern, die zwar religiöse Erziehung für ihren Nachwuchs verlangen, selbst aber wenig davon halten. Ein Vater etwa hatte zu ihm gesagt: Die «Alten seien zu gescheit, um zu glauben. Aber die Kinder müssten halt in der Religion erzogen werden, sonst sei nichts mit ihnen anzufangen.» Als Breitenstein einem Freund davon erzählt, antwortet dieser: «Das heisst, (die Eltern) erwarten, dass der Pfarrer in den wenigen Stunden Kinderlehre alles verbessert, was die Eltern in der übrigen Zeit vernachlässigen?» Solche scharf beobachteten Passagen lassen die erzählte Zeit des 19. Jahrhunderts und die Gegenwart miteinander verschwimmen.

Beeindruckende Lebensleistung
Mit Breitenstein beschäftigt sich Liebendörfer seit Längerem. «Ich bin beeindruckt von seiner Lebensleistung», sagte sie nach der Lesung. «Mich faszinieren seine Beschreibungen des Lebens in seiner Zeit.» Mit ihrem Buch verbindet sie Recherche und literarische Ausgestaltung. «Mir hat es geholfen, dass ich schon so lange die literarischen Stadtführungen mache», berichtete sie. «Dadurch habe ich ein Gespür dafür, was die Leute brauchen, um bei der Sache zu bleiben und nicht abzuschweifen.» Um sicherzugehen, dass ihr Buch auch historisch «verhebt», gab sie das Manuskript Rosmarie Breitenstein und Maja Samimi vom Verein Jonas Breitenstein zum Gegenlesen. Eine wichtige Quelle ihrer Recherchen waren die von Samimi herausgegebenen gesammelten Briefe von Breitenstein, berichtete Liebendörfer.

Einige der vorgelesenen Passagen zeigten einen nachdenklichen, manchmal unsicheren Breitenstein. «Er hatte lange Monate mit sich gekämpft und sich gefragt, ob das Theologiestudium das Richtige für ihn sei», heisst es einmal. Zur Sicherheit legte er auch noch das Lehrerexamen ab, zog seine Bewerbung als Lehrer aber wieder zurück. Als Pfarrer füllten Predigten, Taufen, Hochzeiten, Abdankungen und Krankenbesuche seine Tage. Hinzu kamen viele weitere Aufgaben, etwa in der Schul- und Armenpflege. Breitenstein gründete aber auch einen Frauenverein, engagierte sich für die Suppenküche und für einen Kindergarten. Seine Frau Theresia unterstützte ihn bei seinen Unternehmungen und Verpflichtungen so gut sie konnte, kränkelte aber immer wieder. «Mir war es wichtig, seine Frau als starke Figur in der Geschichte drinnen zu haben», so Liebendörfer im Gespräch.

Geldsorgen und viele Kinder
Breitenstein hatte Geldsorgen und acht Kinder, von denen zwei früh starben. Der jährliche Pfarrerlohn von 1600 Franken reichte nicht. «Ihr glaubet es nicht, wie entsetzlich man sich einschränken muss, wenn man mit 1600 frs. Gehalt auch nur einigermassen standesgemäss leben und eine Familie ernähren soll», schrieb er seinen Eltern. Um über die Runden zu kommen, betrieb Familie Breitenstein Gemüseanbau und hielt Kühe. In den Nachtstunden seiner spärlichen Freizeit schrieb Breitenstein so lebendig übers Baselbiet, dass ihm der Beiname «Baselbieter Gotthelf» zugeschrieben wurde.

1870 wechselte er in eine besser bezahlte Stelle als Sekretär der Freiwilligen Armenpflege in Basel. Hier beschäftigte er sich hauptberuflich mit der Not anderer Menschen. Seine Arbeit forderte ihn bis zum Ausbrennen. Zum Schreiben blieb kaum Zeit. Geschichten, die er erzählen wollte, blieben ungeschrieben: «Es sitzt alles in meinem Kopf, wie ein Gespinst, doch es fehlt leider die Zeit, es hervorzuholen», heisst es in einer der vorgelesenen Passagen.

Zeit fehlte leider auch an der Lesung, die wie im Flug verging: Die Zuhörerinnen und Zuhörer folgten Liebendörfer aufmerksam und applaudierten am Ende lange und herzlich. Eine Umfrage am anschliessenden Apéro zeigte, dass viele Leute nicht zum ersten Mal an einer von Liebendörfers Lesungen waren: «Ich freue mich auf jedes ihrer neuen Bücher und war schon oft an ihren Lesungen», war zu erfahren. In der Zwischenzeit nahm sich Helen Liebendörfer Zeit, signierte Bücher und ging auf Widmungswünsche ein. Kaum hatte sie dafür Platz genommen, bildete sich eine Schlange vor ihrem Tisch, die erst nach 40 Minuten langsam kürzer wurde. Von Gregor Szyndler


Helen Liebendörfer: «Der Baselbieter Gotthelf. Jonas Breitenstein – der Dichter und Pfarrer», Friedrich Reinhardt Verlag. 248 Seiten, kartoniert, 24.80 Franken.

ISBN 978-3-7245-2872-2


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