«Ich habe jeden Marathon gefinisht!»
16.07.2026 OberwilUltramarathonläufer Alex Scherz stand im Laufe seiner Karriere in sehr vielen Ländern im Einsatz.
«Die Pitcairninseln sind eine isolierte Inselgruppe im Südostpazifik. Keine 40 Leute leben dort, meist Nachfahren der Meuterer der ‹Bounty›», erzählt Alex Scherz. Dass er so viel darüber weiss, hängt damit zusammen, dass er in diesen Tagen dort einen Ultramarathon absolvieren wird. Es ist ein Jubiläum: Pitcairn Island ist das 150. Land, in dem der Oberwiler einen sportlichen Wettkampf bestreitet. «Laufen und Reisen sind meine liebsten Hobbys. Dass ich sie so verbinden kann, ist einfach super», entfährt es dem 53-Jährigen.
Geboren in Basel und aufgewachsen in Oberwil hatte Scherz in seiner Kindheit allerdings nicht viel mit Sport am Hut. «Ich hatte zwar ein Velo und bin viel mit meinen Freunden herumgefahren, aber ich war alles andere als sportlich begabt.» Sein Vater schickte ihn als Knirps mal zum Fussball. «Das Erste, was ich gemacht habe, war ein Eigentor zu schiessen», lacht der Sportpsychologe, der erst im Laufe seines Studiums zum Laufen fand. «Ich war auf der Suche nach einer Aktivität, um den Kopf nach durchgefeierten Wochenenden freizukriegen und landete irgendwie beim Vita-Parcours.» Die Bewegung in der Natur gefiel ihm, ausserdem fiel ihm das Rennen leicht. «Ich spürte, wie meine Fitness besser wurde, und legte mir schon bald eine Pulsuhr zu.»
2006 machte Alex Scherz erstmals am Basler Stadtlauf mit, zwei Jahre darauf folgte in Berlin die Marathon-Premiere. Schon damals merkte der AC/DC-Fan, der in der Hardrock-Band The Light den Bass zupft, dass ihn die Marathon-Distanz nicht in gewünschtem Masse forderte. «Natürlich habe ich geschwitzt, nach Luft geschnappt und Muskelkater gehabt», beruhigt Scherz, fügt aber hinzu: «Ein, zwei Tage später fühlte ich mich schon bereit, den nächsten Marathon zu laufen.»
Der Baselbieter versuchte sich in der Folge auch im Triathlon und nahm 2010 erstmals am 100-Kilometer-Lauf in Biel teil. 2012 lief der Vater eines erwachsenen Sohnes am «Iron Man» in Hawaii ins Ziel. Seine Laufbilanz ist eindrücklich: «Jeden Marathon, den ich angefangen habe, habe ich auch gefinisht!» Dass er nie aufgegeben hat, hängt wohl auch damit zusammen, denn als Psychologe kennt er die entsprechenden Techniken. «Mein Beruf hilft sicher», findet Scherz, der während des Laufens versucht, «im Hier und Jetzt zu sein. Ich kann einfach gut abschalten.»
Seither sind für den Ultramarathonläufer – ein Ultramarathon ist ein Lauf, der über die Marathondistanz von 42,195 Kilometern hinaus geht – eine Menge weiterer Läufe dazugekommen. Der Schweizer rannte unter anderem in Somalia, dem Iran, dem Irak und in Nordkorea. «Dort habe ich im Ziel eines der besten dunklen Biere meines Lebens getrunken», verrät er. Auch am legendären «Badwater 135», dem «härtesten Fussrennen der Welt» (Wikipedia) – 217 Kilometer vom Death Valley (–85 Meter) bis zum Whitney Portal (2530 Meter) bei Temperaturen von über 40 Grad – war Scherz zweimal am Start.
Wenn man sich diese eindrucksvollen Fakten zu Gemüte führt, liegt der Schluss nahe, dass Alex Scherz ein verbissener, äusserst ehrgeiziger Typ sein muss. Doch das Gegenteil ist der Fall: So entspannt, wie der Oberwiler im Gespräch ist, ist er auch, wenn es ums Laufen geht. «Es gab mal kurz eine Zeit, in der ich jeden Marathon unter drei Stunden laufen wollte», gibt er zu. Doch längst steht das Erlebnis im Vordergrund. In einer Trainingswoche läuft der Sportler lediglich 50 Kilometer. «Regeneration ist wichtiger. Ich höre auf meinen Körper und trainiere nicht wie ein Verrückter.»
Mit seinem Privat- und Berufsleben ist Scherz’ Leidenschaft übrigens sehr gut vereinbar. Seine Partnerin ist Fitnesstrainerin und hat entsprechend viel Verständnis. Und weil die Sitzungen mit seinen Patienten oftmals online stattfinden, kann der Psychologe, der übrigens an jedem Rennen seinen Glücksbringer Jimbo, einen Plüschaffen mit AC/DC-Kutte, dabei hat, diese von jedem Ort der Welt abhalten.
In seiner Karriere ist Alex Scherz von Verletzungen nahezu verschont geblieben. Entsprechend kann sich der Läufer vorstellen, seine Leidenschaft noch lange auszuüben. An Motivation fehlt es dem Baselbieter jedenfalls nicht. «Offiziell gibt es weltweit 193 Länder», sagt er mit einem Schmunzeln. Das Jubiläumsrennen auf den Pitcairninseln dürfte also definitiv nicht das letzte in seinem Sportlerleben sein. Alan Heckel



