«Les Voix» feiert Jubiläum mit zwei Weltpremièren
15.10.2026 TherwilEinmal ein Chorstück von Ola Gjeilo aufführen? Davon können Millionen von Chorbegeisterten auf der ganzen Welt ein Lied singen, denn der in Kalifornien heimisch gewordene Norweger ist für die Chormusik, was Ennio Morricone für die Filmmusik war: ein Meister der grossen Gefühle mit unverwechselbarer und doch stets eingängiger Klangsprache. Dass aber Gjeilo ein Stück für seinen Chor schreibt und es gleich mit ihm uraufführt? Das erleben die wenigsten. David Rossel ist einer von ihnen. Er arbeitet seit Jahren mit den Granden der Chorwelt zusammen, beauftragt sie mit neuen Chorwerken, und holt sie für Workshops und Gastspiele in die Schweiz; im Frühling veröffentlichte-Rossel mit Grammy-Preisträger Eric Whit acre dessen erstes Männerchorwerk «Time is a River». Nun erfüllte er sich und dem von ihm geleiteten Vokalensemble «Les Voix» zum 30-Jahr-Jubiläum den grossen Traum eines Auftragswerks von Ola Gjeilo. Seit vielen Jahren hat der Frauenchor zwei der bekanntesten Stücke Gjeilos im Repertoire, ging mit einer Konzertaufnahme auch viral. Jetzt dürfen die 22 Sängerinnen sogar zwei eigens für sie komponierte Stücke aus der Taufe heben. Eines der beiden Konzerte findet in Therwil in der Kirche St. Stephan statt.
Die Geschichte des Chors reicht zurück bis in die frühen 1990er-Jahre, als Veronika Keller den Schulchor der Sekundarschule Münchenstein leitete und dieser im Theater Basel bei Produktionen wie «Hänsel und Gretel» und «Otello» mitwirkte. Als die Ältesten die Schule verliessen, wurden 1996 die «Voices» gegründet und kamen 1999 zur Musikschule Münchenstein. Aus der Schulinitiative Kellers entwickelte sich ein eigenständiges Vokalensemble, das weit über die Region hinaus bekannt wurde. 2005 folgte der Preis des kantonalen Impulsprogramms, 2007 die Mitwirkung beim «Basel Tattoo». International erfolgreiche Chorleiter setzten Kellers Arbeit fort: zuerst Michael Zaugg, heute in Edmonton tätig und jüngst mit einem «JUNO Award» (dem kanadischen Grammy) ausgezeichnet, danach Sebastian Goll und Oliver Rudin, die heute die regionale Chorszene mitprägen.
2014 übernahm Rossel die Leitung des Chors, der seit 2018 als «Les Voix» auftritt. In seine Amtszeit fallen Konzertreisen und Auftritte in alle Nachbarländer sowie nach London und Kopenhagen.
Mehrmals trat man im Beyeler-Museum mit der Performancekünstlerin Lynsey Peisinger auf, man brachte zusammen mit der preisgekrönten Pianistin Andrea Wiesli die vergessenen Frauenchorwerke des bedeutenden Basler Komponisten Hans Huber wieder auf die Bühne. In all den Jahren bis heute geblieben ist die Leidenschaft fürs A-cappella-Singen – mit einem Repertoire, das von Schweizer Volksliedern und klassischer Chormusik bis zu zeitgenössischen internationalen Werken reicht.
Zum 30. Geburtstag soll nun aber nicht einfach zurückgeblickt werden. Jede der Sängerinnen hat ein persönliches Lieblingsstück aus der gemeinsamen Chorgeschichte ausgewählt. Das Programm erzählt damit nicht nur die Erinnerungen aus drei Jahrzehnten, sondern auch die ganz persönlichen Geschichten seiner Mitglieder. Den Höhepunkt bilden die beiden Werke von Gjeilo. Ursprünglich war lediglich «She Walks in Beauty» als Auftragswerk geplant, Gjeilos Vertonung des gleichnamigen Gedichts von Lord Byron. Das Stück ist ganz auf die Stärken des Ensembles zugeschnitten: lange melodische Linien, ein dichter, schwebender Chorklang und eine Entwicklung vom Melancholischen ins Freudige. Gjeilo komponierte und produzierte zu dieser Zeit auch sein neues Klavieralbum «Ordinary Moments». Eines der ursprünglich rein instrumentalen Stücke erinnerte ihn an die Klangfarben von «Les Voix». Kurzerhand entschied er sich, daraus «Vocalise» zu machen – ein zweites Stück für Chor und Klavierimprovisation.
Auch nach dem grossen Highlight wird es dem Chor nicht langweilig: 2027 ist eine Konzertreise nach Belgien und den Niederlanden geplant. Auf dem Programm steht dann eine Kantate der US-Amerikanerin Linda Tutas Haugen zu Texten aus dem berühmten Tagebuch von Anne Frank. Frank lebte während der deutschen Besatzung im Versteck in Amsterdam, wo sie ihr Tagebuch schrieb. Ihre Familie hatte zudem enge Verbindungen nach Basel, wo ihr Vater Otto nach dem Krieg den Anne Frank Fonds gründete.
Nadja Schwarz
30 Jahre Les Voix
Konzerte St. Stephan Sonntag, 18. Oktober, 17 Uhr Kath. Kirche St. Stephan, Therwil Eintritt Frei (Kollekte)


