Mit der Stradivari im Burggartenkeller

  03.04.2025 Bottmingen

Die Violinistin Rachel Kolly ist eine weltweit gefeierte Solistin. Die in Bottmingen lebende Künstlerin hat mit Orchestern wie dem BBC Philharmonic Orchestra, dem NHK Symphony Orchestra Tokyo oder dem Royal Orchestra von Sevilla zusammengearbeitet. Am Freitag, 4. April tritt sie im Burggartenkeller in Bottmingen mit einem vielseitigen Programm von Klassik bis Jazz auf. Mit dabei hat sie ihre Stradivari.

Rachel Kolly, die Fachmedien feiern Sie als eine derdreitalentiertesten Violinistinnen Ihrer Generation. Sie haben schon mit zahlreichen, sehr renommierten Orchestern zusammengearbeitet und vor grossem Publikum gespielt. Was reizt Sie, in einem intimen Rahmen wie dem Burggartenkeller aufzutreten?
Da ich selbst in Bottmingen wohne, ist es schon lustig, nur fünf Minuten reisen zu müssen, um ein Konzert zu geben. Aber es stimmt schon, ich mache das nicht jeden Tag. Der intime Rahmen ist etwas Besonderes. Es ist, als sässe das Publikum im eigenen Wohnzimmer. Meine Geige ist zwar eher für grosse Säle konzipiert. Aber es gibt für mich ohnehin keine grossen oder kleinen Konzerte: Egal ob ich in einem riesigen Saal, in einem Krankenhaus, auf einer Open-Air-Festivalbühne oder in einem Gefängnis spiele. Ich bereite mich immer auf die gleiche Weise vor und passe mich der jeweiligen Akustik an.

Haben Sie dank der Stradivari Dinge erlebt, die Sie ohne sie nicht erlebt hätten?
Wahrscheinlich schon. Zunächst einmal ist es nicht jedem vergönnt, eine Stradivari zu spielen. Allein das ist sehr speziell. Es ist eine so kräftige Geige, dass man ohne Weiteres in Japan in grossen Sälen vor 6000 Menschen spielen kann. Ausserdem bin ich schon einigen, ziemlich unangenehmen Zollbeamten begegnet. Aber ansonsten ist es einfach nur beglückend, mit einem solchen Instrument arbeiten zu können. Es ermöglicht mir alle erdenklichen Farbnuancen.

Was würde Ihre Geige erzählen, wenn sie sprechen könnte?
Ich stelle mir gerne vor, dass nicht ich es bin, die eine Stradivari-Geige spielt, sondern dass es das Instrument ist, das für ein paar Jahrzehnte mich als Geigerin hat. Nach mir wird jemand anders dieses Instrument spielen. Da die Geige 1732 gebaut worden ist, hat sie zwangsläufig schon zahlreiche Musikrichtungen gespielt. Es wäre interessant zu wissen, wie oft sie das Brahms-Konzert gespielt hat oder wie oft sie Bachs erste Sonate in g-Moll gehört hat.

Sie sind neben Ihrer Karriere als Solistin auch Botschafterin von Handicap International. Die Organisation unterstützt Menschen mit Behinderungen.Was hat sie zu diesem Engagement bewogen?
Ich wollte meine Kunst immer auch «nützlich» machen. In der Tat ist es oft so, dass man in eine Stadt fährt, dort probt und dann wieder nach Hause fährt. Meine Grossmutter litt an fortschreitender Polyarthritis, die sie zusehends gelähmt hat. Das hat mich früh sensibilisiert. Ich habe grosses Glück, dass ich den Beruf ausüben kann, den ich immer wollte. Meine älteren Schwestern arbeiten im medizinischen Bereich – eine von ihnen ist Forschungsleiterin bei Novartis und lebt ebenfalls in Bottmingen. Auch sie haben meine Sensibilität beeinflusst und mich motiviert, mehr zu tun, als nur Geige zu spielen.

Wie beeinflusst Sie dieses Engagement?
Ich habe 2013 mit Handicap International Kambodscha besucht, für eine Kampagne gegen Antipersonenminen. Und ich hatte eine Geige mitgenommen. Ich besuchte auch sehr kleine Dörfer, in denen die Menschen mit wenig auskommen mussten. Dort waren einige von ihnen ziemlich amüsiert darüber, dass Geigerin ein echter Beruf sein kann. Das Lächeln, die Grosszügigkeit und die Freundlichkeit der Menschen waren sehr berührend. Danach bin ich in die Schweiz zurückgekehrt, wo manche Menschen nicht wissen, wie viel Glück sie haben. Ähnliches habe ich auf meinen zahlreichen Reisen nach Lateinamerika erlebt.

Sie haben schon einige Werke von zeitgenössischen Komponisten uraufgeführt. Was ist der besondere Reiz daran, als Erste neue Musik zu interpretieren?
Interessant ist vor allem der Austausch mit dem Komponisten, um herauszufinden, was er selbst über sein Werk denkt. In diesem Sinn hatte ich das Glück, mit dem grossen, in der Zwischenzeit leider verstorbenen Basler Violinisten Hansheinz Schneeberger zu arbeiten. Er hat die Komponisten von bedeutenden Konzerten gekannt wie Béla Bartók oder Frank Martin. Auch für die Interpretation solcher Werke sind Informationen dieser Art besonders hilfreich.

Haben Sie auch schon eigene Kompositionen aufgeführt?
Als ich jünger war, habe ich häufig eigene Kompositionen in Rezitals eingebunden. Dabei habe ich ein Pseudonym verwendet, um eine ehrliche Meinung von meinem Publikum zu erhalten. Sie konnten den Komponisten viel freier kritisieren, wenn sie nicht wussten, dass das Werk von mir ist. Ich habe zum Beispiel sehr gelacht, als ein Kritiker mir einmal geschrieben hat, dass ein von mir aufgeführtes Stück noch viel freier hätte komponiert sein können. Was er nicht gewusst hatte, war, dass ich die Komponistin gewesen bin und dass ein Teil des Stücks komplett improvisiert war …

Es ist allerdings schon lange her, dass ich eine von meinen Kompositionen aufgeführt habe. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, die Werke anderer zu spielen.

Worauf darf sich Ihr Publikum im Burggartenkeller freuen?
Das Programm wird sehr abwechslungsreich sein. Ich werde eher kürzere Stücke spielen, um viele Epochen abzudecken. Im ersten Teil spiele ich bekannte Komponisten wie Bach, Saint-Saëns oder traditionelle armenische Musik. Während ich den zweiten Teil dem 20. Jahrhundert widme mit Jazz, Tango und verschiedenen Adaptationen.

Simon Rüttimann


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