GEDANKEN AUS THERWIL
Nachtbub, wenn du wüsstest …

  09.07.2026 Leimental

Ich tue mich seit einigen Jahren etwas schwer mit dem Gehen. Also schaffte ich mir ein E-Bike an und nützte es längere Zeit fleissig. Leider verunfallte ich zweimal aus mir unerklärlichen Gründen. Zwei Spitalaufenthalte waren mir zu viel und ich gab das E-Bike an eine Enkelin weiter. Nun brauchte ich ein sicheres Fahrzeug, darum kaufte ich mir ein Elektro-Dreirad. Damit fuhr ich in der näheren Umgebung umher. Nachts stand es abgeschlossen im Car-Port vor meiner neuen Wohnung.

Eines Morgens war es verschwunden – geklaut!

Jetzt ging der Rummel los: Ärger, Polizeiposten, Strafanzeige, Versicherungskontakte, Formulare ausfüllen usw. Kaum waren diese Formalitäten in die Wege geleitet, kam ein Anruf von der Gemeindepolizei: Mein Fahrzeug sei gefunden worden. Ein Nachtvogel hatte es benützt, um von meinem Wohnhaus aus 500 m weiter ins Quartier zu fahren. Dafür hatte er am abgeschlossenen Fahrzeug die Schlossabdeckung herausgebrochen. Zurück blieben ein Loch in der vorderen Innenwand und ein Rest des Schlosses. Wie er das Ding ohne Schlüssel zum Fahren gebracht hatte, ist mir rätselhaft. Ich fuhr das Töffli jedenfalls heim und versteckte es.

Nun ging es wieder los. Ich musste erneut Kontakte aufnehmen: Polizei, Versicherung, Verkaufsstelle in Basel persönlich aufsuchen, Organisieren des Abholens und der Reparatur des Fahrzeugs, Kostenvoranschlag verlangen etc.

Dann kam der Anruf einer Reparaturwerkstätte und der Roller wurde mit einem Lieferwagen abgeholt. Nach ein paar Tagen erhielt ich per E-Mail einen Kostenvoranschlag: Fr. 646.77. Den Voranschlag leitete ich an die Versicherung weiter. Die akzeptierte vorläufig die Rechnung, erinnerte mich aber sofort an den Betrag von 200 Franken Selbstbehalt. Nun konnte ich die Reparatur in Auftrag geben. Nach 14 Tagen hatte ich allerdings noch keinen Bescheid. Auf mein Drängen hin kam nach einer Woche aus der Werkstatt eine E-Mail mit der Erklärung, die Ersatzteile seien noch nicht eingetroffen.

Ich war wochenlang ohne ein Fahrzeug. So legte ich meine kürzeren Wege halt humpelnd mit Stöcken oder mit einem Rollator zurück.

Fünf Wochen nach dem Diebstahl erhielt ich vom Reparaturservice endlich die Meldung, das Fahrzeug sei geflickt, es werde aber erst geliefert, wenn die Rechnung bezahlt sei. Nun stellte sich heraus, dass das Papier, das ich als Kostenvoranschlag gelesen hatte, eigentlich eine Rechnung gewesen war, die ich im Voraus hätte begleichen müssen. Also zahlte ich die Rechnung umgehend und meldete die Zahlung auch der Sachversicherung. Diese wiederum versprach mir, ihren Anteil minus 200 Franken sofort an mich zu überweisen. Das geschah zwei Tage später.

Dann fragte ich beim Reparaturdienst nach dem Verbleib meines Motos. Dieses wollte der Mechaniker ausgerechnet an einem Tage liefern, an dem ich einen Spitaltermin hatte. Da das Wochenende anstand, verschob sich die Lieferung auf die nächste Woche. Am Montag früh stand der Lieferant vor dem Haus und lud mein geflicktes Fahrzeug aus. Es sah aus wie neu. Ich freute mich, stellte es auf einen Abstellplatz hinter dem Haus und bedeckte es mit einer Motorradhülle.

Für einen kurzen Spass hatte mir der diebische Nachtbube sieben Wochen an Töfflifreude, an Beweglichkeit und dazu viel Freizeit und 200 Franken gestohlen.

Hansjörg Hänggi, freischaffender Autor in Therwil, bekannt durch seine Lieder- und Geschichten-Abende.


Image Title

1/10


Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote