Neue steinerne Zeitzeugen für Therwil
21.05.2026 TherwilMit zwei neuen Grenzsteinen aus Laufentaler Kalkstein hat der Therwiler Banntag unauffällig ein kleines Stück Geschichte zurückerhalten. Dahinter steckt viel Herzblut – und ein emotionaler Moment.
Banntage haben in unserer Region bekanntlich einen hohen Stellenwert. So auch in Therwil, wo letzten Sonntag wieder die Gemeindegrenzen abgeschritten und gemeinsam gefeiert wurde. Alle Jahre wieder, könnte man sagen. Doch dieses Jahr fand der Banntag mit einer kleinen Neuerung statt, die allerdings kaum jemand bemerkte: Auf der Grenze zu Witterswil – also nicht nur auf der Gemeinde-, sondern zugleich auch auf der Kantonsgrenze – stehen seit dem Dezember 2025 zwei neue Grenzsteine.
Liebevoll aus Laufentaler Kalkstein gefertigt, zeigen sie auf der Vorderseite den Baselbieter Stab, auf der Rückseite das Solothurner Kantonswappen und seitlich die jeweiligen Jahreszahlen. Beim einen Stein sind dies 1870 und 2025, beim zweiten 2025 sowie eine fragmentierte Zahl, die sich nicht mehr genau eruieren lässt. «Die stand auf dem ursprünglichen Stein, aber lesbar war sie nicht mehr. Also hat der Steinmetz aus historischen Gründen die Fragmentzahlen übernommen», erklärt Theo Gschwind.
Der ehemalige Bürgerrat und Bürgerratspräsident von 1996 bis 2012 hat den Banntag im Blut, und «seit 1962 auch keinen ausgelassen», wie er erzählt. Kein Wunder also, dass dem rüstigen Rentner, der übrigens seit 67 Jahren in der Dorfmusik Concordia Trompete spielt, die beiden ursprünglichen Grenzsteine beziehungsweise das, was von ihnen noch übrig war, schon lange aufgefallen waren. Und was nicht sein durfte, durfte eben nicht sein, schliesslich führt die Westrotte des Bannumzugs direkt an den Steinen vorbei. «Und es ist erst noch eine Kantonsgrenze», sagt Gschwind.
Also meldete er das Ungemach an Patrick Reimann, seines Zeichens seit 2010 basellandschaftlicher Kantonsgeometer. Der dachte sich zunächst: «Es gibt Schlimmeres», wie er lachend eingesteht, und vertröstete den engagierten Therwiler vorerst. Doch dieser liess nicht locker und insistierte schon bald erneut, wie der Geometer erzählt: «Also dachte ich, dann gehe ich eben einmal hin und schaue mir das an.»
Und tatsächlich: Was Reimann vorfand, war nur noch ein kläglicher Rest. Das dürfte dem Fachmann durchaus einen kleinen Stich ins Herz versetzt haben, denn Grenzsteine liegen ihm am solchen. «Ich habe 2021 die ganze Kantonsgrenze abgewandert und mir alle Steine angeschaut. Dabei war ich beeindruckt, wie viele alte Geschichten sich hinter diesen Steinen verbergen.» Hochspannende 233 Kilometer seien das gewesen, wie er weiter ausführt: «Allerdings habe ich dafür 27 Tage gebraucht. Und das verteilt auf zwei Jahre.»
Das ist durchaus verständlich, denn ein Kantonsgeometer ist ein gefragter Mann, und die Kantonsgrenze gehört nicht unbedingt zum Tagesgeschäft. Trotzdem sind ihm die Steine dort wichtig, wie er betont: «Diese Steine sind Zeitzeugen. Die Grenzen darf und muss man sehen, aber man darf auch auf die andere Seite rüber.»
Das sieht auch Gschwind so. Denn auch wenn die Steine heute im Zeitalter millimetergenauer GPS-Messsysteme keine eigentliche Funktion mehr erfüllen, gehören sie für ihn einfach zum Gemeindebann dazu. «Wir haben es ja gut mit unseren Nachbarn und gewiss keine Grenzstreitereien», sagt er. Entsprechend sei auch noch nie ein Grenzstein bewusst zerstört oder geraubt worden, wie er weiter ausführt. «Ganz im Gegensatz zum Maibaum, der uns schon zwei Mal gefällt wurde!»
Dass von den beiden alten Steinen nur noch Fragmente übrig waren, dürfte wohl dem Zahn der Zeit und vermutlich auch dem etwas unvorsichtigen Maschineneinsatz auf dem Weg und dem benachbarten Feld geschuldet gewesen sein.
Für die beiden Männer war deshalb schnell klar: Hier tut Hilfe Not. Also erteilte der Kantonsgeometer einem Steinmetz den Auftrag, die Steine zu ergänzen. Dieser lehnte jedoch ab – zu kläglich sei die verbliebene Basis gewesen. Damit war der Weg frei für zwei gänzlich neue Steine. Und die unvollständigen Jahresangaben auf dem einen Stein wurden kurzerhand übernommen, denn die genaue Jahreszahl liess sich nicht mehr eruieren. Trotzdem gehören sie nun zur Geschichte der neuen Steine.
Das Setzen der Grenzsteine erwies sich allerdings als aufwendiger, als man zunächst annehmen könnte. Schliesslich sollen sie wieder für viele Jahre, vielleicht gar Jahrhunderte, die Geschichte dieser Grenze weiterschreiben. Entsprechend reichen die Steine doppelt so tief in den Boden, wie sie oben herausragen.
Selbstverständlich verfolgten Reimann und Gschwind die Arbeiten mit grossem Interesse. Und am Ende waren sich beide einig: «Das war wirklich ein emotionaler Moment!»
Redaktion BiBo



