LESERBRIEFE
Neutralität heisst, keine Partei zu ergreifen
10.09.2026
Ettingen
Wer die Neutralitätsinitiative als «Putin-Initiative» bezeichnet, führt keine Debatte, sondern verteilt Etiketten. Das ist bequem, aber es wird der Sache nicht gerecht. Und es entwertet die Argumente jener Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die aus Überzeugung Ja stimmen.
Denn unsere Neutralität ist keine Erfindung eines Abstimmungskampfs. Sie ist über Jahrhunderte gewachsen, aus Erfahrung und aus Schaden. Nach der Niederlage von Marignano 1515 endete die eidgenössische Expansionspolitik, der Beginn eines langen Weges. 1674 erklärte die Tagsatzung die Neutralität förmlich. 1815 anerkannten die Grossmächte am Wiener Kongress, was wir längst lebten. Seit 1848 steht sie in unserer Bundesverfassung. Zwei Weltkriege tobten rund um uns. Unsere Städter blieben verschont, unsere Familien blieben zusammen.
Das ist kein Zufall. Ein kleines Land, viersprachig, konfessionell gemischt, ohne Rohstoffe, hält nur zusammen, wenn es die Streitigkeiten der Grossen draussen lässt. Aus dieser Haltung ist auch das Beste erwachsen, was wir der Welt gegeben haben: das Rote Kreuz, die Genfer Konventionen, die Guten Dienste. Man kam zu uns, weil man uns traute. Heute sehen uns andere nicht mehr als unparteiisch. Damit verlieren wir die Rolle, in der wir jahrzehntelang vermitteln konnten. Vertrauen ist über Generationen erarbeitet und in wenigen Jahren verspielt.
Die Initiative verlangt nichts Fremdes: eine Neutralität, die immerwährend, bewaffnet und integral ist, also ohne Ausnahmen. Bewaffnet heisst, dass wir unser Land selber verteidigen. Niemand tut es für uns. Neutral heisst nicht gleichgültig gegenüber Unrecht, sondern unabhängig im Urteil. Wladimir Putin ist weder unser Freund noch unser Feind, und es liegt in unserem ureigenen Interesse, dass das so bleibt.
Am 27. September entscheiden wir nicht über Sympathien für Moskau. Wir entscheiden, wer unsere Aussenpolitik bestimmt: wir selber oder andere. Ich stimme Ja, aus Respekt vor denen, die uns dieses Land in Frieden übergeben haben, und aus Verantwortung für jene, denen wir es weitergeben.
Filiz Pinar, Ettingen
