Restaurant Bahnhof Ettingen und die neue Bahnhof-Uhr
18.09.2025 EttingenEs ist noch nicht lange her, da wurden etliche Tramstationen auch im Leimental nach den neuen Normen für Sicherheit und Komfort umgebaut und modernisiert; für mich der Moment, die Installation einer SBB Bahnhof-Uhr mit roter Sekundenkelle, die vom Ingenieur Hans Hilfiker (1901–1993) im Jahre 1944 für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) entworfen wurde, bei der BLT schmackhaft zu machen.
Der zuständige Projektleiter bekundete anfänglich grosses Interesse an einem solchen Projekt, das er in das bestehende übernehmen könne. Die BLT als Betreiberin eines Bahnbetriebes wäre berechtigt, eine solche SBB-Uhr, auf welche die SBB ein Urheberrecht besitzen, zu installieren. Seit Jahrzehnten ist Therwil die einzige BLT-Station, die eine richtige doppelseitige Bahnhofsuhr mit Sekundenkelle ihr Eigen nennen kann … konnte! Die schöne und praktische analoge Uhr wurde anlässlich der Umgestaltung der Tramstation entfernt! In der Folge erhielt ich von der BLT auch ein Mail, worin mir mitgeteilt wurde, dass solche Uhren generell nicht mehr erwünscht seien, weshalb auch in Ettingen keine Uhr komme.
Ich dachte nun sofort an das an der Tramstation Ettingen gelegene Restaurant Bahnhof, an dessen Fassade schon vor vielen Jahrzehnten eine Uhr montiert war. Da dieses Gebäude aber bis vor Kurzem noch einer Erbengemeinschaft im Welschland gehörte, stellte ich meine Bemühungen ein, eine Uhr an diese Fassade zu bringen.
Inzwischen wurde das Gebäude von den Ettingern Sämi Burri und Werner Ulmer übernommen und zum Zweck der Erhaltung des Restaurants eine AG gegründet. Gleichzeitig starteten die beiden eine Umfrage, wer eine Bahnhof-Uhr auftreiben könnte. Das war für mich wie Musik in den Ohren und ich kontaktierte die neuen Besitzer umgehend. Da ich beide schon seit Jahren persönlich kenne, beauftragten sie mich, doch nach einer geeigneten Bahnhof-Uhr Umschau zu halten; ich hätte ihr volles Vertrauen! Gesagt, getan: Ich bestellte bei der Firma Moser-Baer in Sumiswald als Herstellerin fast aller Bahnhofsuhren eine Uhr im Durchmesser von 50 cm ohne Sekundenkelle, da – wie eingangs schon erwähnt – Uhren mit der roten Schaffnerkelle nur an Gebäuden von Bahnbetrieben gestattet sind. In vielen Rangierbahnhöfen sieht man noch solche Uhren ohne die Sekundenkelle. Deshalb ist diese Uhr zur Montage an der Fassade des Restaurant Bahnhof auch zugelassen! Unser Dorf-Elektriker Kurt Stöcklin (Elektro AG Leisinger) hat die Uhr samt Funkempfangsmodul fachmännisch installiert.
Er musste ein 70 cm langes Loch durch das Mauerwerk des Hauses bohren, um die Verbindungsleitung zwischen Funkempfänger und Uhr ins Hausinnere führen zu können, damit das Funkteil unsichtbar bleibt.
Die neue Uhr wird durch den Langwellensender DCF77 (Zeitzeichensender) in Mainflingen, etwa 26 km von Frankfurt am Main entfernt, gesteuert. Nur ein Satz ganz technisch: Das Rufzeichen DCF77 leitet sich ab von D für Deutschland, C für Langwellensender, F wegen der Nähe zu Frankfurt sowie der Zahl 77 für die Trägerfrequenz 77,5 kHz. Das DCF77-Signal kann bis zu einer Entfernung von etwa 2000 km empfangen werden.
So empfängt die neue Bahnhof-Uhr in Ettingen die Signale dieses Senders. Der Minutenzeiger macht Minutenschritte, läuft also nicht kontinuierlich. Kaufen Sie sich eine neue (billige) Küchenuhr mit dem Funksignet oder der Aufschrift «radio controlled» auf dem Zifferblatt, so wird sie durch den DCF77-Sender funkgesteuert; für wenig Geld haben Sie sich eine sehr genaue Uhr zugelegt! In vielen unseren alten, ehrwürdigen Glockentürmen erbringen alte, zum Teil historische Turmuhrwerke ihren Dienst. Ohne die alte Substanz der Werke zu beschädigen, sind viele dieser Uhren mit einer Elektronik nachgerüstet worden, die es erlaubt, die Uhr nach dem DCF77-Sender zu richten: Das Muff Pendelfänger-System ist eine technologische Innovation, mechanische Uhren mit der Präzision von heute zu steuern, ohne dabei laufend das Pendel nachjustieren zu müssen. In seiner äussersten Position am Umkehrpunkt der Bewegung wird das Pendel mittels eines sanften Elektromagneten festgehalten (gefangen) und nach ein paar Sekunden wieder losgelassen. Das Turmuhrwerk wird am Pendel so eingestellt, dass es zu schnell läuft und nach vielleicht einer Viertelstunde 10 Sekunden vorgeht. Nun wird das Pendel gefangen und nach ein paar Sekunden wieder freigegeben und die Zeit stimmt wieder. Die Turmuhrwerke der Basler Stadttore, das Basler Münster (das Turmuhrwerk der Firma Joh. Mäder, Andelfingen kann anlässlich einer Turmbesteigung betrachtet werden) und sogar die kleine Turmuhr des Basler Restaurants «Schützenhaus» haben das Pendelfänger-System, das die Firma Muff Kirchturmtechnik AG in Triengen entwickelt hat.
Wenn Sie einmal Ettingen besuchen, geniessen Sie einen Apéro oder ein feines Essen an der Tramstation, werfen Sie einen Blick auf die scheinbar immer seltener werdende Bahnhofuhr und seien Sie stolz darauf, dass Sie wissen, was diese Uhr steuert und woher diese Hilfe kommt. En Guete! Die Bahnhof-Uhr in Ettingen hat der Kulturhistorische Verein Ettingen nun gestiftet.
Übrigens: Die doppelseitige Bahnhof-Uhr von Therwil befindet sich laut Auskunft des Vorstandes des Vereins Pro BTB (BTB: Birsigthalbahn) zurzeit auf der Gemeindeverwaltung in Therwil und ich hoffe doch sehr, dass sie einmal den Weg ins BTB-Museum in Rodersdorf findet!
Erich Dietiker, pens., Buchhalter und Sammler/Restaurateur alter Uhren und selbstspielender Musikinstrumente


