Vom Gletscher bis ins Tiefkühlfach

  02.07.2026 Oberwil

Schnee mit Baumharz, eine Gelateria in Paris, die Rakete im Tiefkühlfach. Eine Tour d’Horizon durch Zeit und Raum von der weiten Welt bis nach Oberwil.

Das ist ein harter Schlag für die Italiener. Erst die Pizza, dann die Spaghetti und nun sollen auch das Gelato die Chinesen erfunden haben? Die Erkenntnis ist nicht neu, schmerzt die heute für ihr Glace zu Recht weltberühmten Südeuropäer vermutlich aber Jahr für Jahr, wenn wieder jemand verzückt Glace schleckend der Frage nachgeht, wem diese grossartige Erfindung eigentlich zu verdanken ist. Schon vor 5000 Jahren mischte man in China Schnee und Gletschereis mit Gewürzen wie Ingwer und Zimt sowie Honig, Früchten und Milch. Aber auch in der europäischen Antike, in Griechenland rund 2000 Jahre später, war das Verfahren ähnlich. Der Arzt Hippokrates soll seinen Patienten Glace auch als Schmerzmittel verschrieben haben. Bei Halsweh hat sich diese Therapie ja bis heute gehalten. Nun nähern wir uns bereits langsam der Gegenwart, denn auch im antiken Rom wurde bereits dem eiskalten Genuss gefrönt. Selbstverständlich war er nur den Reichsten der Reichen, also den Kaisern und ihrem Gefolge, vorbehalten. Zu diesem Zweck jagten sie Schnellläufer ins Gebirge, um Schnee und Eis zu besorgen.

Wie der kostbare Rohstoff Schnee gelagert werden konnte, soll für die Römer aber der griechische Feldherr Alexander der Grosse im vierten Jahrhundert vor Christus herausgefunden haben: In den Bergen fand er zufällig in einer Erdgrube konservierten Schnee. So entstanden mit den holzverkleideten Erdgruben die ersten Tiefkühltruhen und der Schnee war nun ganzjährig verfügbar. In diesen Gruben lagerte etwa auch der exzentrische Kaiser Nero seinen Schnee und genoss ihn – wenn er das Volk nicht gerade mit einem obligatorischen Ständchen erquickte – mit Rosenwasser, Veilchen und Baumharz aromatisiert.

Das «Scherbet» aus Arabien
Aber auch die Araber mochten es kühl. Die Rezepte für «Scherbet», etwas zwischen Granita und Sorbet, brachten die Kreuzfahrer im Mittelalter nach Europa. Dort, natürlich vor allem in Italien, machten sich gewisse Leute ans Perfektionieren der Herstellung des Gelato. Ein Zuckerbäcker aus Catania schaffte es um 1530, die für die Glaceproduktion notwendige Kälte künstlich, nämlich mit Salpeter zu erzeugen, was ihn von den Jahreszeiten unabhängig machte. So konnte auch ein Florentiner namens Ruggeri 1533 an der Hochzeitsfeier von Caterina de’ Medici mit seinem kalten Dessert glänzen. Ein weiteres bedeutendes Talent dieser Zeit soll der Toskaner mit dem sprechenden Namen Bernardo Buontalenti gewesen sein – einigen gilt er als Erfinder des modernen Gelato. Nebenbei war er noch Architekt. Die erste moderne Gelateria ausserhalb Italiens eröffnete der Sizilianer Francesco Procopio, der mit der Glacemaschine seines Grossvaters im Gepäck nach Paris auswanderte. Dort machte er 1686 das berühmte Café Procope auf.

Glace-Export nach Italien
Natürlich sind wir froh um Buontalenti und Co. und deren Talente. Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass durchaus auch Schweizer Gelatiere-Künste nach Italien exportiert wurden. Die Bündner Zuckerbäcker, die bereits im 17. Jahrhundert und bis Mitte des 19. Jahrhunderts massenhaft nach Italien auswanderten, vornehmlich nach Venedig, waren nämlich nicht nur für ihre Kuchen und Süssigkeiten aus Marzipan und Schokolade berühmt, sondern auch für ihre Eisspezialitäten. Ihr Handwerk lernten die Konditoren aus Graubünden zwar in Italien, aber bei Landsleuten …

Als der Deutsche Carl von Linde 1876 die Kältemaschine entwickelte, die gleich funktionierte wie die heutigen Kühlschränke, war das eine Revolution für die Verbreitung des Glacegenusses auch für das Volk. Die industrielle Herstellung von Glace war nun möglich. Das brachte auf dem Schweizer Markt unter anderem die Rakete hervor, ein unbestrittenes Highlight unter den Wasserglacen. Wenn auch der Kühlschrank mit Eisfach eine tolle Erfindung ist, sehnte man sich doch bald wieder nach dem Kunsthandwerk, wie das Adjektiv «artigianale», das dem hausgemachten italienischen Eis angefügt wird, am besten zu übersetzen ist.

Selber machen (lassen)
Hierzu greift man entweder zu sozusagen antiken Methoden, indem man mit Honig und Rosenwasser – oder profaner Himbeersirup – mittels Tiefkühlfach selber Eis herstellt oder aber zu den Profis geht. Hier gilt: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? In Oberwil verwöhnt Gabriella Gelato Artigianale mit hausgemachtem Gelato aus regionalen Produkten und sorgfältig ausgewählten Zutaten von höchster Qualität. Ob klassische Sorten oder kreative Kreationen – hier findet sich für jeden Geschmack das Passende. Zurzeit befindet sich die Gelateria in den Betriebsferien, ab dem 17. Juli werden Eisliebhaberinnen und Eisliebhaber wieder mit feinem Gelato verwöhnt.

Michèle Faller


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