Walter Leibundgut, « dr Leibi », in Oberwil weltbekannt
03.04.2025 OberwilEnde Januar ist mit Walter Leibundgut eines der letzten Dorforiginale von Oberwil verstorben. Daran, wie « dr Leibi » das Dorfleben mitprägte, erinnert sich Andreas Schumacher.
Eine Todesanzeige im BiBo Anfang Februar 2025 irritiert den Schreibenden : « Walter Leibundgut-Kohler ». Etwa « dr Leibi », der ehemalige und legendäre Wirt des Restaurants Schlüssel in Oberwil . . . ?
Stefan Degen, Oberwil, der ihn kürzlich noch im Spital besuchte, antwortet über Whats App : « Ja, das ist ‹ dr Leibi › ! »
Fast exakt denselben Satz hatte der Schreibende vor rund dreissig Jahren schon einmal gehört. Nach einem Krankenbesuch, zusammen mit seinen Eltern, trifft man im Lift des Bruderholzspitals nach unten auf einen Mann mit weissblonder Löwenmähne – eine eindrückliche Erscheinung. Erfreut über diese Begegnung ruft seine Mutter, Rosmarie Schumacher-Pfeiffer, ihrem Mann, Werner « Werni » Schumacher, zu : « Jö, Werner ! Lueg emool, wäär au doo isch! » Der Vater des Schreibenden und der ihm unbekannte Mann ( er hatte ihn zuletzt als Kind getroffen ) sprechen sich per Du an. Der Mann berichtet von seiner Operation und dass er guter Dinge sei für eine baldige Genesung. Unten angekommen, fragt der Schreibende seine Eltern, wer das war. Woraufhin seine Mutter ihm kurz antwortet : « He, Andreas, dasch ‹ dr Leibi› ! Dr Herr Leibundgut ! »
Walter Leibundgut führte von 1965 bis 1980 den « Schlüssel » in Oberwil. Zum Restaurant gehörte auch eine Confiserie.
Leibundgut war nicht nur ein grossartiger Koch, sondern auch ein hervorragender Confiseur. Seine Confiserie-Spezialitäten waren Weltklasse. Später war Walter Leibundgut im Verpackungsbereich tätig.
Für die in Oberwil berühmte Fasnachtsclique « Schnäggeryter » (1955 bis 2019 ) war « dr Leibi » mindestens dreimal Sujetlieferant und er lieferte auch gleich das Werbematerial dazu : z. B. die « Säuli »- Tafeln für seine Schoggi-Spezialitäten und die « romantische Leibi Bar » im 1. Stock des Restaurants Schlüssel ( für das Sujet « Leibis Metzgede » im Jahr 1974 ; Design : Walter Leibundgut ; Druck : Josef Lacher ).
« Leibi » – das war nicht nur ein Name für einen originellen Zeitgenossen. Das war eine Marke, ein Brand. Die Oberwiler Fasnacht war seine Plattform. Er hatte früh erkannt, was Marketing bedeutet.
Bei den « Schnäggerytern » wirkten in Oberwil bekannte Namen mit – die Gründungsmitglieder : Josef « Seppi » Lacher ( beinahe ein « Schweizerdegen » – für die Drucksachen ), Max Ley, Leo Glanzmann – « dr Pinsel » ( als Sujetmaler ), Hans Schenk, Peter Scheller und Arnold « Noldi » Thürkauf senior ( zuerst als Fahrer, dann auf dem Wagen ). Weitere Mitglieder: Max Schläpfer, Werni Schumacher ( ab 1966 ), Willy Kiefer, Werner Leu, Karl Hasler, Arnold Thürkauf junior, Beatrice Thürkauf, Ruth und Rolf Wüthrich, Rudolf « Ruedi » Borer, Stefan und Lukas Degen, Pascal Ryf – um nur einige zu nennen.
Werner « Werni » Thürkauf ( Sohn von Noldi Thürkauf senior ) war Fahrer und später auch Obmann. Auf der Ponderosa Farm der Familie Thürkauf wurden die Fasnachtswagen gebaut. « Leibis » Hochzeit mit Rita Gertrud Kohler ( † 25. Mai 2024 ) auf einem britischen Schiff war Sujet der Fasnacht 1976.
Auf der « LEIBIANIA » imitierte Rolf Wüthrich ( † 8. November 2024 ) den Bräutigam « Leibi », mit schwarzer « Schale » und Zylinder, und seine Ehefrau Ruth, mit ihrem Hochzeitskleid, die Braut Rita.
Doch « Leibis » Leben war zu Beginn alles andere als bunter Räppli-Regen, sondern eher ein Totentanz . . .
Walter Leibundgut wurde als Kind im Kanton Bern Opfer «f ürsorgerischer Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen ». Als Verdingkind musste « Leibi » Sklavenarbeit für Bauern leisten. BiBo-Leserinnen und -Leser stellen sich lieber nicht vor, was er in seiner Kindheit und Jugend an körperlicher, psychischer oder gar sexueller Gewalt erlebt haben mag . . .
Walter Leibundgut war mit Werner Schumacher gut befreundet, besuchte ihn oft in seiner Schuhmacherei an der Hauptstrasse 18 und erzählte ihm von diesen Erfahrungen. Aber offenbar darf man heute noch immer nicht darüber sprechen und somit fand dies auch an der Abdankung keinerlei Erwähnung . . .
Hier sei Otti Rehorek in seiner Paraderolle als Hofnarr zitiert, der die behördliche Zensur im « Drummeli » 1991 bitterböse auf den Punkt bringt : « Dènn waas git s Bèssers fir dr Schùldig, als wènn dr Gschäädigt schwygt gidùldig ? ! » Walter Leibundgut war ein kreativer Kopf, « Chrampfer » und grosszügiger Mensch, der sich seinen Humor trotz allem nicht hatte nehmen lassen. Nochmals Rehoreks Hofnarr mit einem Zitat von Dürrenmatt : « Die bèschti Waffe geege d Macht isch – wènn me òffe driiber lacht ! »
Leibundguts « Epizentrum » war – wie für Lotty Ermacora, Willi Brodmann und Werni Schumacher ( u. v. m. ) – die Hauptstrasse in Oberwil. Sicherlich wird er nun die alten Oberwilerinnen und Oberwiler im Himmel mit seinen Schoggi-Spezialitäten verwöhnen und von einer Wolke aus mit Argusaugen die nächste Fasnacht beobachten. « E schöni Fasnacht, ‹ Leibi › ! »
Andreas Schumacher
Herzlichen Dank für die Mithilfe und Informationen : Dora Amrein, Biel-Benken ; Stefan Degen, Oberwil ; Irma Küry-Schumacher, Muttenz ; Rudolf Mohler, Oberwil ; Jörg Lacher, Oberwil ; Pascal Ryf, Oberwil ; Roland Schläpfer, Oberwil – und besonders an Werni Thürkauf, Oberwil ; Ruth Wüthrich, Oberwil