Wann Schweigen heilsam ist und wann es scheitert

  29.01.2026 Bottmingen

Frank Köhnlein ist Kinder- und Jugendpsychiater und schreibt Kriminalromane über Jugendliche, deren Welt Kopf steht. Im Interview verrät er, wie er den Spagat als Therapeut und Autor schafft und wie er sich auf Lesungen einstellt. Eines steht fest: Er begibt sich mit seinem Publikum jeweils auf eine packende Reise ins Unbekannte. Am 4. Februar 2026 stellt er im Burggartenkeller seine Bücher «Vollopfer», «Kreisverkehr» und «Krankmachen» (Starks-Sture Verlag) vor.

Herr Köhnlein, als Psychiater behandeln Sie Kinder und Jugendliche und als Autor schreiben Sie Krimis. Wohnen zwei Seelen in Ihrer Brust?
Frank Köhnlein: Das kann man so sagen. Aber daneben schlagen in meiner Brust auch noch ein paar weitere Seelen. Ich bin beispielsweise Vater oder Dozent oder Standespolitiker für die baselstädtischen Kinder- und Jugendpsychiater. Der Schriftsteller und der Jugendpsychiater in mir haben etwas gemein: Beide versuchen Worte zu finden für etwas, das oft nicht beschreibbar ist.

Können Sie das genauer erläutern?
Wenn Kinder und Jugendliche mir etwas berichten, versuche ich mit ihnen auf den Grund ihrer Geschichte zu gehen. Ganz besonders dann, wenn sie selbst keine Worte dafür haben. Ich gebe ihrem Erlebten einen Rahmen aus Wörtern, um es verstehbar zu machen.

Sie hören sicher sehr dramatische und traurige Geschichten von Ihren jungen Patientinnen und Patienten. Bewältigen Sie in Ihren Krimis die Erlebnisse aus der Praxis?
Nein. Das werde ich immer wieder gefragt, aber das ist tatsächlich nicht so. Als Psychotherapeut habe ich andere Möglichkeiten, um die schwierigen Dinge, die ich höre, zu bewältigen. Das Krimischreiben findet auf einer ganz anderen Ebene statt.

In einem Radiointerview haben Sie einmal gesagt, dass jedes Symptom einen Sinn habe. Ein Symptom könne man als ein Problem ansehen, man könne es aber auch als Lösung verstehen. Wie meinen Sie das?
Das ist eine Kernüberzeugung von mir. Je länger ich als Psychotherapeut tätig bin, desto klarer ist für mich: Das problematische Verhalten der Kinder und Jugendlichen ist oftmals der Versuch, mit dem überfordernden Kram umzugehen, der auf sie einstürmt. Sie haben keine bessere Lösung als die, die sie anwenden.

Zum Beispiel?
Jemand kifft, weil er die Belastung durch Mobbing in der Schule nicht aushält. Natürlich ist das Kiffen ein Problem. Man kann aber auch sagen, dass das Kiffen ein Versuch ist, einen Umgang mit dem tatsächlichen Problem zu finden, dem Mobbing. Meistens finde ich mit dem Jugendlichen oder dem Kind schnell heraus, dass seine Problemlösung nicht ganz so ideal ist, weil sie neue Probleme schafft. In der Therapie versuche ich deshalb rasch auf den Punkt zu kommen, warum das Symptom erstens nicht zufällig und zweitens nicht sinnlos ist.

Ihre Hauptfigur Dr. Paul Hepp ist Jugendpsychiater wie Sie und hilft mit, Kriminalfälle zu lösen. Wie viel Paul Hepp steckt in Ihnen?
Das ist eine gute Frage. Beim Schreiben bin ich tatsächlich sehr eins mit diesem Hepp. Ich schreibe seine Geschichten, als wären es meine. Wenn ich sie dann aber lese, merke ich, der Typ ist schon recht anders als ich. Und darüber bin ich ganz froh! Nehmen Sie nur seine amourösen Irrwege. Ausserdem hoffe ich, dass er noch einen Tick schrulliger ist als ich. Aber vielleicht sollten Sie das meine Frau fragen. Oder meinen Psychoanalytiker.

Krimiliteratur dient vorwiegend der Unterhaltung. In Ihren Krimis schneiden Sie aber sehr ernsthafte Themen an, beispielsweise Selbstverletzung. Wie kriegen Sie beides unter einen Hut?
Das stimmt, das sind wirklich sehr ernsthafte Themen: Selbstverletzung, Kindsmisshandlung, Suizidalität. Das ist tatsächlich ein Spagat für mich. Ich bemühe mich beim Schreiben, Voyeurismus zu vermeiden und keine Neugierden zu befriedigen. Ob mir das immer gelingt, müssen die Leserinnen und Leser beurteilen.

Was mir wichtig ist: Ich will Verständnis dafür wecken, womit die Jugendlichen kämpfen. Ich will fühlbar machen, wie sich Selbstverletzen anfühlt. Oder wie es sich anfühlt, Opfer von Misshandlung zu sein oder wie sich Depression bei Jugendlichen anfühlt. Ich möchte die ganze Wucht der Symptome, Beschwerden und Schwierigkeiten fühlbar machen.

Wie müssen wir uns den kreativen Schreibprozess vorstellen, beziehungsweise wann sagen Sie sich: «Das ist spannend, daraus baue ich meine nächste Geschichte»?
Wenn ich Zeit finde und Lust habe, setze ich mich hin und schreibe. Wobei: Es schreibt eher aus mir, als dass ich selbst schreiben würde. In mir schlummern so viele Geschichten und Ideen, die ich zu Papier bringen könnte. Manche notiere ich mir. Auf diese Weise habe ich eine Sammlung von Ideen angelegt, die vielleicht in einem Buch wieder auftauchen.

Manchmal fragen mich Jugendliche: «Wollen Sie das nicht in Ihr nächstes Buch nehmen?» Aber das kommt natürlich nicht infrage, schon allein aus ethischen Gründen nicht. Höchstens so stark verfremdet, dass kein Bezug zu meinen Patientinnen und Patienten hergestellt werden kann.

Der Psychiater und der Schriftsteller haben viele Gemeinsamkeiten. Worin unterscheiden sie sich aber?
Im Schweigen. Dieses Werkzeug steht mir nur in der Psychotherapie zur Verfügung. Als Schriftsteller nützt mir das Schweigen nichts. Das funktioniert in einem Buch nicht.

Im Programm des Burggartenkellers wird eine Lesung «und mehr» angekündigt. Wofür steht das Mehr?
Ja, wenn ich das so genau wüsste … In der Regel ist es so: Ich lasse mich bei Lesungen treiben und bin jeweils selbst gespannt, wohin das führt und was das Publikum und ich gemeinsam erleben werden. Bis jetzt ist es noch nie langweilig geworden.

Simon Rüttimann, Burggartenkeller


Tickets finden Sie unter: www.burggartenkeller.ch/programm

Mittwoch, 4. Februar, 20 Uhr
Im Burggartenkeller, Schlossgasse 11, Bottmingen. Erwachsene CHF 10.–, Kinder bis 12 Jahre: Eintritt frei


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