Wenn Farbe ihren eigenen Weg geht

  27.08.2026 Ettingen

«SURFACE» heisst die Ausstellung von Rudolf Linder im Kulturwerk Ettingen. Der Basler Künstler zeigt dort farbintensive, vielschichtige Arbeiten, die ohne Skizze und festen Plan entstehen. Was auf der Leinwand passiert, ist für ihn ebenso Teil des Kunstwerks wie das fertige Bild.

Ein weisses Blatt oder eine leere Leinwand kann vieles sein: Anfang, Herausforderung, Einladung. Für Rudolf Linder ist sie vor allem eines – offen. Der Basler Künstler beginnt seine Bilder ohne Skizze, ohne genaue Vorstellung davon, wie das fertige Werk einmal aussehen soll. Er setzt Farbe, reagiert darauf, verändert, übermalt, lässt stehen und beginnt wieder von vorn. So entsteht ein Prozess, bei dem nicht alles vorhersehbar ist. Genau darin liegt für Linder der Reiz.

«Malen braucht Mut», schreibt der Künstler. Ein Satz, der viel über seine Arbeitsweise verrät. Denn wer ohne festen Plan beginnt, muss bereit sein, Entscheidungen zu treffen und Unvorhergesehenes zuzulassen. Die Ausstellung «SURFACE» im Kulturwerk Ettingen gibt seit dem 21. August Einblick in diese offene und intensive Bildwelt.

Zwischen Trompete und Leinwand
Dass Linder Künstler wurde, war dabei keineswegs vorgezeichnet. Geboren in Basel, interessierte er sich schon früh für Zeichnen und Malerei – aber auch für die Musik. Nach einer Berufslehre als Maschinenmechaniker entschied er sich für ein Musikstudium mit Hauptfach Trompete. Von 1974 bis 1980 studierte er in Basel, anschliessend setzte er seine Ausbildung in Lyon fort.

Es folgte eine lange Karriere als Musiker und Musikpädagoge. Engagements führten ihn unter anderem nach Japan, in die USA, nach Indien, China und in zahlreiche europäische Länder. Von 1987 bis 2018 unterrichtete Linder an der Musik-Akademie Basel.

Die Musik blieb jedoch nicht seine einzige Ausdrucksform. Parallel entwickelte sich seine bildnerische Arbeit weiter. Seit den frühen 1990er-Jahren präsentiert Linder seine Kunst regelmässig öffentlich. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen folgten, unter anderem in Basel, Laufen und Rheinfelden. 2019 waren seine Arbeiten im Museum of Modern Art in Peking zu sehen. Auch in den vergangenen beiden Jahren war Linder mit Einzelausstellungen in Basel präsent.

Bilder, die sich nicht festlegen lassen
Seine Kunst bezeichnet Linder selbst als abstrakten Expressionismus. Einflüsse des Informel treffen dabei auf Elemente aus Graffiti, Street Art und Urban Art. Seine Bilder wollen keine sichtbare Wirklichkeit abbilden. Vielmehr geht es um Vorstellungen, Eindrücke und das, was während des Malens entsteht.

Dabei darf auch das Ungeplante seinen Platz einnehmen. Politische und gesellschaftliche Themen können in den Entstehungsprozess einfliessen, ebenso Musik, Literatur oder ganz alltägliche Beobachtungen. Ein Gedanke, eine Melodie, eine Begegnung oder eine Farbe können zum Ausgangspunkt werden.

So sind Linders Bilder weniger als festgelegte Geschichten zu verstehen, sondern als offene Flächen, die Raum für eigene Assoziationen lassen. Vielleicht entdeckt die eine Betrachterin darin Bewegung, während der andere Besucher vor allem eine bestimmte Stimmung wahrnimmt. Die Oberfläche wird zum Schauplatz – daher auch der Titel «SURFACE».

Eine nie abgeschlossene Suche
Für Linder ist Malerei letztlich mehr als das Herstellen eines Bildes. Sie ist eine Suche. Nach Formen und Farben, nach Ausdruck und immer auch nach sich selbst. Dass diese Suche nie vollständig abgeschlossen ist, gehört für ihn dazu. Im Kulturwerk Ettingen können Besucherinnen und Besucher diesen Prozess seit dem 21. August nachvollziehen. Die Ausstellung «SURFACE» zeigt aktuelle Arbeiten des Basler Künstlers und lädt dazu ein, sich auf eine farbintensive, vielschichtige und bewusst offene Bildwelt einzulassen. Wer sich darauf einlässt, muss nicht nach einer einzigen Erklärung suchen. Denn vielleicht liegt gerade im Unvorhergesehenen das Spannendste. Brooke Keller


«SURFACE» im Kulturwerk Ettingen an der Hauptstrasse 40. Die Ausstellung ist vom 21. August bis 6. September jeweils samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet, weitere Termine sind nach Vereinbarung möglich. Die Finissage findet am Sonntag, 6. September, um 17 Uhr statt.


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