«Wir sind im vierten Alphabet bei J»
16.07.2026 TherwilDanae Schwegler betreibt die Vogelpflegestation in Therwil. Im Sommer hat sie alle Hände voll zu tun. Unterstützt wird sie von Alex Hueber.
Der BiBo besuchte Danae Schwegler und Alex Hueber an einem brütend heissen Vormittag. Von der Terrasse tschilpte es wie in einem Gebüsch voll Spatzen, im Keller erholten sich Mauersegler in Plastikkisten und im Garten warteten Spatzen in einer Voliere auf ihre Freilassung.
Wie viele Vögel haben Sie momentan?
Schwegler. Anfang Juli waren es 100 – zu viele. Ich musste einen Aufnahmestopp verhängen. Jetzt sind noch ungefähr 80 da.
Hueber. Wir gehen bei den Namen für die Mauersegler das Alphabet durch: Der erste bekommt einen Namen mit A, der zweite mit B und so weiter. Am Ende fangen wir von vorne an. 2025 brauchten wir dreieinhalb Alphabete. Stand am 10. Juli 2026 sind wir im vierten Alphabet bei J.
Welche Folgen hat die Hitze für Wildvögel?
Schwegler. Schwalben, Spatzen und Mauersegler sind Gebäudebrüter. Sie nisten unter Dächern. Dort wird es sehr heiss. Viele Vögel springen aus den Nestern und verletzen sich.
Hueber. Wenn niemand sie findet, verkriechen sie sich im Gebüsch, wo sie von Katzen und anderen Tieren gefressen werden. Aber auch, wenn das nicht passiert, ist es schlecht für sie.
Was braucht ein verletzter Vogel?
Schwegler. Etwas ist ganz wichtig zu wissen: Verletzte Vögel darf ich nicht aufnehmen. Verletzte Tiere müssen zum Tierarzt. Erst nachdem ein verletzter Vogel beim Tierarzt war, kann ich ihn übernehmen.
Was soll ich tun, wenn ich einen hilflosen Vogel finde?
Schwegler. Nestlinge, also junge, meist nackte oder flauschige Vögel, sollten Sie zurück ins Nest setzen. Falls das nicht geht, nehmen Sie ihn mit und wärmen ihn. Dann muss das Tier so schnell wie möglich zu mir. Ästlinge hingegen, bereits befiederte Tiere, können Sie am Fundort lassen. Sie werden weiter von den Eltern gefüttert.
Was darf ich auf keinen Fall tun?
Schwegler. Den Vogel füttern und ihm zu trinken geben. Es ist unglaublich, was die Leute den Vögeln alles zu essen geben! Gerade das Füttern von Mauerseglern ist aber sehr schwer. Selbst Tierärzte und Tierpfleger haben mir schon Mauersegler gebracht, die sie beim Fütterungsversuch verletzt haben.
Was sind die grössten Missverständnisse rund um die pflegebedürftigen Vögel?
Hueber. Viele Leute denken, dass man Vögel nicht berühren darf. Das stimmt nicht.
Schwegler. Vögel kriegen keine Probleme mit ihren Artgenossen, wenn man sie in die Hand nimmt. Wenn Sie einen Vogel direkt unter einem Nest auf dem Boden finden, können Sie ihn bedenkenlos aufheben und zurück ins Nest setzen.
Wie lange bleiben die Vögel bei Ihnen?
Schwegler. Im Schnitt drei Wochen. Ein ganz junger Vogel, der ohne Federn aus dem Nest fällt, kann schon mal sechs Wochen bei uns bleiben, bis er fliegen kann.
Welche menschengemachte Gefahr begegnet Ihnen am häufigsten?
Schwegler. Freigängerkatzen. Sogar die Vögel, die von den Katzen nicht getötet werden, haben oft tödliche Verletzungen. Katzen haben so viele Bakterien im Speichel, da sterben die Vögel auch bei kleinen Verletzungen an Entzündungen. Es reicht nicht, der Katze den Vogel aus dem Maul zu reissen und hierher zu bringen. Er muss zum Tierarzt und braucht Antibiotika.
Hueber. Viele Tiere, die sich am Anfang gut fühlen, die ordentlich fressen und trinken, werden in wenigen Stunden apathisch und sterben – wegen der Katzenbakterien in ihren Verletzungen.
Welche weiteren Gefahren gibt es?
Schwegler. Zu sauber aufgeräumte Gärten, in denen es keine Verstecke und kein Wasser gibt. Gerade in Hitzewellen ist das ein Problem. Und Fensterscheiben – grosse Glasfronten sind eine erhebliche Gefahr.
Wie viel Zeit stecken Sie in die Vogelpflegestation?
Schwegler. In der Hauptsaison, also jetzt, ist es ein 8-bis-23-Uhr-Job, den ich neben meiner Selbstständigkeit als Hundebetreuerin und -trainerin ehrenamtlich mache. Es sind ja «nicht nur» die Vögel, die wir aufpäppeln, bis sie wieder fliegen können, sondern auch das Beantworten der sehr vielen Anfragen von Leuten, welche einen Vogel gefunden haben. Letztes Jahr waren es 250 Anfragen zu Vögeln, die am Ende nicht auf die Station kamen. Wenn es uns nicht gäbe, würden solche Anfragen beim Amt für Wald und Wild oder bei der Polizei landen.
Wie können die Leute Ihnen helfen?
Hueber. Mit Spenden. Und indem sie die Merkblätter auf unserer Homepage berücksichtigen und korrekt mit hilflosen Vögeln umgehen.
Gregor Szyndler



