Zwischenhalt für Zugvögel und Vogelfreunde
08.10.2026 OberwilAm Bielhübel trafen sich am Sonntag Vogelbegeisterte zum Zugvogeltag. Der NVO zeigte, warum das kleine Biotop für Durchzieher wichtig ist – und zählte neben Vögeln auch Besucher.
Ein einsamer Star sass auf den Starkstromleitungen oberhalb des Bielhübel, während sich vor dem Biotop beim Wasserreservoir ein Schwarm Vogelbeobachterinnen und -beobachter mit Feldstechern und Fernrohren eingerichtet hatte. «Wir haben bisher 30 bis 40 Arten gezählt», berichtete Roelof Kistemaker vom Natur- und Vogelschutzverein Oberwil (NVO). «Gezählt werden aber nicht nur die Vögel. Sondern auch die Besucher.» Sprach es und trug auch noch den Journalisten auf der Liste ein. «Dieses Jahr sind mehr Leute hier als im letzten Jahr, als es regnete.»
Dass so viele Ornithologinnen und Ornithologen an diesem Sonntag den Weg zum Bielhübel gefunden hatten, hatte einen einfachen Grund: Am Wochenende war wieder der internationale Zugvogeltag EuroBirdwatch. In der ganzen Schweiz und in vielen Ländern Europas richteten Naturinteressierte die Feldstecher auf den Himmel, um Vogelarten zu zählen und bestimmen. Neben dem Zählen ging es darum, die Bevölkerung für die Vogelwelt zu begeistern und auf den Schutz ihrer Brutgebiete, Rastplätze und Winterquartiere aufmerksam zu machen. Der Anlass findet seit mehr als 20 Jahren statt, meistens am ersten Oktoberwochenende.
Anlässe auch für Nichtmitglieder
Die Beobachtung beim Bielhübel organisierte der NVO, der dieses Jahr sein 50-Jahr-Jubiläum feiert. Die Mitglieder des NVO pflegen und erneuern unter anderem Biotope und betreuen gegen 500 Vogelnistkästen in Oberwil: «Die reinigen wir einmal pro Jahr und schauen, welche Arten darin wohnten. Diese Zahlen schicken wir dann an Birdlife Schweiz.» Ausserdem vermittelt der NVO mit regelmässigen Exkursionen und Vorträgen Wissen über die Natur vor der eigenen Haustür. Diese Anlässe stehen auch für Nichtmitglieder offen.
Beim Zugvogeltag ging es mindestens ebenso sehr ums Zählen der Vogelarten wie um gesellige Begegnungen und Austausch. Fürs leibliche Wohl war gesorgt. Die Vereinsmitglieder verpflegten sich mit Kaffee, Apfelsaft und Schoggiweggli. Zufällig vorbeikommende Spaziergänger blieben neugierig stehen – und immer wieder waren Rufe zu hören wie «Ein Kolkrabe!», gefolgt von Händen, die am Himmel die Richtung wiesen und gezückten Feldstechern. Zu sehen gab es einiges: Sei es ein in der Nähe fliegender und von blossem Auge erkennbarer Turmfalke oder ein Schwarm Ringeltauben in so grosser Entfernung, dass ohne Feldstecher oder Fernrohr nichts von ihnen zu sehen war. Wiederum andere Vogelbegeisterte verliessen sich bei ihrer Suche nach den gefiederten Freunden auf ihre Ohren, was rund ums Wasserreservoir in den Büschen zu schönen Resultaten führte.
Warum sich der Bielhübel zur Vogelbeobachtung eignete, erklärte Susanne Schallschmidt vom NVO-Vorstand so: «Viele Durchzieher kommen aus dem Norden, fliegen dem Rhein entlang und orientieren sich auf dem Weiterflug an den Hügelzügen.» Beim Wasserreservoir finden sie ein Naturbiotop, in dem sie sich ausruhen können. «Dafür brauchen Zugvögel einen sicheren Ort mit Nahrung, Wasser und Ruhe.» Das alles sei beim Bielhübel gegeben. Obwohl viele Menschen hier vorbeispazieren, finden die Vögel hinter den dichten Hecken rund ums Wasserreservoir geschützte Rückzugsmöglichkeiten. «Auch Wiedehopfe und Schwarzkehlchen lassen sich hier mit etwas Glück beobachten», sagte Kistemaker.
Schutzgebiete entlang der Zugrouten
Entscheidend für die Vögel ist es, dass sie unterwegs Nahrung und Rastplätze finden. Daran fehlt es immer öfter. Feuchtgebiete werden trockengelegt, die Landwirtschaft wird intensiver und Siedlungen beanspruchen immer mehr Flächen. So gehen Lebensräume verloren, die die Vögel sowohl zum Brüten als auch als Zwischenhalt auf ihrer grossen Reise brauchen. Hinzu komme das Insektensterben: Viele Langstreckenzieher ernähren sich von Insekten und verlieren damit einen Teil ihrer Nahrungsgrundlage. BirdLife setzt sich deshalb entlang der Zugrouten für Schutzgebiete ein, gemeinsam mit Partnerorganisationen vor Ort.
Auf die Frage nach einer besonderen Beobachtung am Zugvogeltag überlegte Kistemaker einen Augenblick. Etwas völlig Neues sei heute nicht dabei gewesen: «Doch wir haben Zaunammer, Goldammer, Feldlerche und Wiesenpieper gesehen.» Die Ungewissheit mache für ihn den Reiz der Vogelbeobachtung aus: «Man weiss nie, welche Vögel man entdecken wird. Es bleibt Glückssache – das ist das Schöne daran.» Sein Lieblingsvogel sei der Bienenfresser. Er holte das Handy und zeigte Fotos der farbenprächtigen Vögel: Ihr Gefieder wirkt tropisch und bunt (laut Wikipedia ist es «einer der buntesten, kaum zu verwechselnden Vögel Europas»). Bienenfresser ernähren sich von Insekten und seien in Spanien zu beobachten, brüten aber in Kolonien am Kaiserstuhl. Dass man für gefiederte Entdeckungen also nicht in die Ferne schweifen musste, bewies auch die nahe beim Bielhübel gelegene Ziegelei: «Dort habe ich kürzlich einen Eisvogel gesehen. Sie jagen in Fliessgewässern nach Fischen – diese Vögel faszinieren mich.»
Gregor Szyndler



